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Thema: Gedichtformen: Das Sonett

  1. #1
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    Standard Gedichtformen: Das Sonett

    Aktualisierung: Ich denke, es wird Zeit, den Faden etwas übersichtlicher zu gestalten, weshalb ich ein kleines Inhaltsverzeichnis verlinken werde, das die reinen Diskussionen ausklammert (für alle, die nicht den ganzen Faden lesen wollen):



    Hallo meine Lieben,

    ich wollte hier einen Faden eröffnen, in dem ein wenig ausführlicher als im Foren-Wiki über das Sonett informieren, damit diejenigen, denen die kurzen Wiki-Einträge zu wenig Information bieten, das Einlesen in Fachliteratur aber doch zu mühsam ist, hier sozusagen eine Zwischenstufe vorfinden, in der fachliche Theorien, Gattungsdiskussionen etc. kurz und verständlich angerissen werden.


    Schon vor längerer Zeit habe ich versucht, die Definition, die August Wilhelm Schlegel in seiner Vorlesung über das Sonett gegeben hat, knapp und verständlich zusammenzufassen.

    1. Das Sonett nach August Wilhelm Schlegel
    • ein Sonett besteht aus 14 Versen, 2 Quartette zuerst, gefolgt von 2 Terzetten
    • die Verse sollen gleich lang sein
    • als Versart soll die gewählt werden, die in der jeweiligen Sprache am typischsten ist; im Französischen der Alexandriner, im Deutschen, Italienischen und Spanischen ein Elfsilbler, im Englischen der fünfhebige Jambus
    • ideale Reimform in den Quartetten ist abba abba, wobei er aber auch (!) den alternierenden Kreuzreim für möglich, allerdings nicht so passend wie den umarmenden, hält. Dies liegt daran, dass er den Reimen die Aufgaben „Trennen“ und „Verbinden“ zuschreibt, die ein umarmender Reim in seinen Augen gelungener ausführen kann; aus diesen Grund hält er auch die Verwendung von vier Reimen (abba cddc) für schlecht, da so die beiden Quartett eben nicht durch den Reim miteinander verbunden sind
    • die Reimform der Terzette ist freier: entweder 2 Reime, die dreimal wiederholt werden, oder 3 Reime, die zweimal wiederholt werden
    • Bevorzugung weiblicher Reime, da der männliche unvollständig (rima tronca – der abgebrochene Reim) und die zweite unbetonte Silbe im dreisilbigen Reim überflüssig wirken; bei durchgehend männlichem Reim geht außerdem die Musikalität verloren
    • den Alexandriner hält er nicht für besonders passend, da der Vers dabei in 2 Teile zerfällt, von denen der erste reimlos ist und dadurch die Einheit aufgelöst wird
    • Enjambements stören den musikalischen Klang
    • das Sonett ist eine in sich zurückgekehrte, vollständige Form (Anmerkung: ich denke, das soll heißen, dass der verfolgte Gedankengang innerhalb des Sonetts zu einem Abschluss gebracht werden muss, damit es rund wird)
    • das Dramatische Element des Sonetts: man kann das Sonett inhaltlich in Exposition, Fortgang und Katastrophe gliedern, woraus sich ergibt, dass es auch „burleske“ Sonette geben kann, wie es neben der Tragödie auch die Komödie gibt und beide unter „Drama“ fallen
    • Verbindung von Gefühl und Denken wichtig

    Ein Schlegel-Zitat zum Thema:
    Die Meynung derer, welche behaupten, die Sonettform lege dem Dichter einen unglücklichen Zwang auf, sie sei das Bett des Prokrustes, nach dessen Maße der Gedanken verstümmelt oder gerenkt werden müße, verdient keine Widerlegung, denn diese Einwendung paßt eigentlich ebenso gut auf alle Versification, und man muß, um sie zu machen, ein Gedicht wie ein Exercitium ansehen, das erst formlos in Prosa entworfen, und nachher schülermäßig in Verse gezwungen wird. Solche Menschen haben freylich keinen Begriff, wie die Form vielmehr Werkzeug, Organ für den Dichter ist, und gleich bey der ersten Empfängniß eines Gedichtes, Gehalt und Form wie Seele und Leib unzertrennlich ist.

    und seine Erklärung, von ihm selbst in ein Sonett gepackt:

    Das Sonett (A.W. Schlegel)

    Zwei Reime heiß' ich viermal kehren wieder
    Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
    Daß hier und dort zwei, eingefaßt von zweien,
    Im Doppelchore schweben auf und nieder.

    Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
    Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
    In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
    Die zartesten und stolzesten der Lieder.

    Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
    Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket
    Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

    Doch wem in mir geheimer Zauber winket,
    Dem leih' ich Hoheit, Füll' in engen Grenzen
    Und reines Ebenmaß der Gegensätze.


    So, das ist also einer der streng normativen Gattungs-Begriffe. Irgendwann möchte ich auch noch die verschiedenen "landestypischen" Sonettformen erläutern und vor allem auf Gattungsdefinitionen eingehen, die vor allem die Varianz dieser Textart in den Vordergrund stellen (außer es kommt mir einer zuvor, worüber ich auch nicht böse wäre ).

    In der Hoffnung auf rege Beteiligung
    liebe Grüße
    yaira
    Geändert von yaira (17.12.2009 um 10:34 Uhr)
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  2. #2
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    Standard

    Der Übersichtlichkeit halber kommt der nächste Teilbereich in einer neuen Antwort:

    2. Sonettformen in verschiedenen Ländern
    nach: Kemp, Friedhelm: Das europäische Sonett. + Metzler Literaturlexikon

    Italien/Spanien
    • 2 Quartette mit 2 Reimen (ursprünglich - bei Petrarca - im Kreuzreim) später fast ausschließlich im umarmenden Reim, also abba abba
    • 2 Terzette mit 3 Reimen (Anordnug frei)
    • Grundvers: 11silbig mit weiblicher Kadenz

    Frankreich:
    • 2 Quartette mit 2 Reimen (ursprünglich im Kreuzreim) später fast ausschließlich im umarmenden Reim, also abba abba
    • 2 Terzette mit 3 Reimen (Anordnug frei)
    • Grundvers: meist Alexandriner mit alternierenden Kadenzen

    England/Shakespeare:
    • 3 Quartette mit Kreuzreimen (abab cdcd efef)
    • abschließendes paargereimtes Couplet (gg)
    • Grundvers: 5hebiger Jambus mit meist männlichen Kadenzen

    Deutschland:
    • Gliederung wie ital. Sonett
    • als deutsches Sonett wird häufig eine Form bezeichnet, in der die Quartette nicht durchgereimt sind, also abba cddc
    • Grundvers: Im Barock war der Alexandriner vorherrschend, ab dem 18. Jh. der 5hebige Jambus mit weiblichen oder wechselnden Kadenzen


    Diese Auflistung spricht von typischen Ausprägungen und ist nicht als uneingeschränkt gültig anzusehen.
    Geändert von yaira (04.07.2008 um 14:31 Uhr)
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  3. #3
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    Liebe Yaira,
    wie du sicher weißt, übe ich mich ständig am Sonett, welches ich als große Herausforderung empfinde.
    Du schreibst, die Anordnung der Terzette sei frei, ich habe andere Informationen.
    Danach gibt es zwar verschiedene Varianten aber auch sie unterliegen dem gestrengen Korsett:
    Hier ein paar Beispiele für die Terzette:
    cdc - dcd
    eef - ggf
    ccd - eed
    cde - cde
    ccd - dee
    Oder habe ich Dich falsch verstanden?
    Auch dieser Faden ist für mich hoch interessant!
    Ich grüße Dich herzlich und wünsche eine Gute Nacht,
    Medusa.

  4. #4
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    Liebe Medusa,

    es kommt hier, so wie ich es sehe, immer auf den Standpunkt an und wie weit man die Sonett-Definition fasst. Das kann von sehr eng und streng bis hin zu sehr weit sein (eine sehr freie Definition wollte ich hier auch noch einstellen)...

    Schlegels Definition ist normativ, sie gibt strenge Regeln vor, solche gibt es natürlich auch noch mehrere. Die zweite, die ich aufgegriffen habe setzt sich aus der aus einem Überblickswerk und eins, zwei Zusatzinformationen aus einem Lexikon zusammen, ist also eher beschreibend: So und so ist es vorgekommen und der Autor klassifiziert es als Sonett.

    Wahrscheinlich muss jeder selbst für sich entscheiden, wie weit er seine Definition fasst, was er noch in die Kategorie Sonett steckt, was nicht und ob er sich an eine normative Grundlage hält oder jedesmal für sich neu entscheidet, Sonett oder nicht.

    ich weiß, das ist keine erschöpfende Antwort, aber die ehrlichste, die ich geben kann

    Ich werde die Tage ein bestimmtes Sonett suchen und hier einstellen, dann können wir diskutieren, aus welchen Gründen das ein Sonett sein könnte oder nicht. Wenn du willst.

    Tut mir leid, dass ich mich momentan nicht so um den Faden kümmern kann, wie ich gerne würde.

    Liebe Grüße
    yaira
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  5. #5
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    Lange lag der Faden brach und auch heute habe ich nichts Wissenschaftliches mitzuteilen (irgendwann lasse ich ihn aber wieder aufleben).

    Heute ein kleines Schmankerl, das mir eben in die Hände fiel - eine etwas andere Art, sich der Reimform des Sonetts zu nähern:

    Eduard Mörike: Zwei dichterischen Schwestern


    von ihrem Oheim

    Mit einer Randzeichnung, auf welcher an der Stelle der Endsilben ein Band herunterlief, durch dessen abwechselnde Farben das Reimschema angedeutet war


    Heut lehr ich euch die Regel der Son– –.
    Versucht gleich eins! Gewiß, es wird ge– –,
    Vier Reime hübsch mit vieren zu versch– –,
    Dann noch drei Paare, daß man vierzehn h– –.

    Laßt demnach an der vielgeteilten K– –
    Als Glied in Glied so einen Schlußring sp– –:
    Das muß alsdann wie pures Gold erk– –;
    Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K– –.

    Ein solcher findet meine schönen N– –
    Bei diesem Muster. »Ah, Fräulein, Sie st– –!«
    »O nein, Herr Graf, hier gilt es Silben z– –.»

    »Wirklich! Doch wenn die Lauren selber d– –,
    Was soll Petrarca?« Der mag Strümpfe str– –.
    Eins wie das andre ist für schöne S– –.



    Liebe Grüße
    yaira
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  6. #6
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    Hallo TBC,

    naja, über so manches lässt sich streiten. ich denke, man kann viel. Wenn eine Absicht dahinter steht, man sich also bewusst mit der Form auseinandersetzt, ist das sogar sehr interessant, finde ich.

    Vielleicht sollte ich, soweit ich es weiß, eher antworten, ob etwas gebräuchlich ist:

    cdc ded ist mir bisher nicht bewusst begegnet. Es ist eher untypisch, eine Waise wie hier das "e" im Sonett zu finden. Normalerweise haben alle ihren Reimpartner. Obwohl es natürlich auch ungereimte Sonette gibt (vor allem auch Übersetzungen), aber darüber kann man dann auch wieder gattungstheoretisch streiten.

    bab acc - das heißt, die Reime aus den Quartetten werden in die Terzette kreuzgereimt mitgenommen und am Ende findet sich ein Couplet. Wenn sich dann auch die Quartette kreuzgereimt haben, sieht das für mich nach einer interessanten Mischung aus Shakespeare'schem Sonett und Stanze aus:
    England/Shakespeare:

    * 3 Quartette mit Kreuzreimen (abab cdcd efef)

    * abschließendes paargereimtes Couplet (gg)

    * Grundvers: 5hebiger Jambus mit meist männlichen Kadenzen
    aus Isabans interessantem beitrag über die Stanze:
    Die Verse 7 und 8 bilden ein Couplet, das diese Gedichtform zweiteilt, das Reimschema lautet also ababab-cc.

    Ähnliches gilt für aca cdd - Das Couplet am Ende lässt auf jeden Fall auf die englische Sonett-Tradition schließen. Einen reim aus den Quartetten mitzunehmen ist möglich, obwohl auch das mir persönlich nur zusagt, wenn ein Sinn dahinter zu erkennen (oder zu konstruieren ) ist.

    Als Beispiel Hugo von Hofmannsthals "Die Beiden"

    Sie trug den Becher in der Hand
    - Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
    So leicht und sicher war ihr Gang,
    Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

    So leicht und fest war seine Hand:
    Er ritt auf einem jungen Pferde,
    Und mit nachlässiger Gebärde
    Erzwang er, daß es zitternd stand.

    Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
    Den leichten Becher nehmen sollte,
    So war es beiden allzu schwer:

    Denn beide bebten sie so sehr,
    Daß keine Hand die andre fand
    Und dunkler Wein am Boden rollte.

    Hofmannsthal reimt: aabb acca ade ead - zugegeben, ein ungewöhliches Reimschema. MMn ist das Gedicht trotzdem ein Sonett (Die innere Struktur, die Aufteilung der Verse sprechen z.B. dazu). Der a-Reim wird hier als verknüpfendes und auch, wie ich finde, harmonisierendes Element durch alle Strophen gezogen.


    TBC, leider kann ich auf so eine Frage keine ja oder nein Antwort geben. ich weiß nicht, ob man die überhaupt geben kann, ich traue es mir auf jeden Fall nicht zu. ich hoffe, meine Gedanken zum theme bringen dich trotzdem ein bisschen weiter.

    Vielleicht haben wir auch Glück und es schaltet sich noch jemand ein?!

    Liebe Grüße
    yaira
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  7. #7
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    Sonderformen des Sonetts


    In diesem Faden und wahrscheinlich in jedem Lyrik-Forum wird immer wieder über die Formstrenge des Sonetts an sich diskutiert. Wie spielerisch man mit dieser Form umgehen kann, möchte ich an einigen wenigen Beispielen für typische Sonettumgestaltungen zeigen.


    Sonettessa

    Umkehr des Sonett-Schemas: Auf zwei Terzette folgen zwei Quartette.

    Ein Beispiel aus unseren Reihen:



    Isaban: Himmelhoch




    Im Garten schweigen meine schwarzen Schwäne.
    Dort duften Rosen und Basilikum,
    die Linde regnet golden, ringsherum

    lavendelt es, gewittern Zwitschertöne,
    ist Hummelbrummen Teil der großen Pläne
    und Julileben das Curriculum.

    Seit Tagen wächst in mir ein Sommersummen;
    mir ist danach, ein Lerchenlied zu singen,
    als Klang ganz tief ins Blaue vorzudringen,
    als wüsste ich wohin und auch warum.

    In manchen Nächten scheint es zu verstummen,
    bleibt nur das Lauschen nach dem Inwärtsklingen.
    Dann rauscht im Puls, wie schweres Flügelschwingen,
    die Angst, die Zeit geht zu schnell um.



    Schweifsonett

    Ein Sonett mit zusätzlichen Terzetten. In Deutschland entstand diese Form wohl um 1800, stammt aber eigentlich aus dem Italien des 16. Jahrhunderts.

    Ein Beispiel, das ich dazu gefunden habe, ist ein Verteidigungs- und Schmähsonett Goethes. Er mischt sich mit diesem Schweifsonett in einen Streit der Jenaer Romantiker mit Karl August Böttiger und August von Kotzebue ein. Für wen Goethe Partei ergreift, sollte schnell deutlich werden...

    Goethe: B. und K.



    Ihr möchtet gern den brüderlichen Schlegeln
    Mit Axt und Beil den Reisekahn zerstücken;
    Allein sie lassen euch schon weit im Rücken,
    Und ziehen fort mit Rudern und mit Segeln.

    Zwar wär' es billig, diesen frechen Vögeln
    Auch tüchtig was am bunten Zeug zu flicken;
    Doch euch, ihr Musenlosen, wird's nicht glücken,
    Drum, Flegel, bleibt zu Haus mit euern Flegeln.

    Dramatisch tanzt ein Esel vor Apollen*
    Und reichet traulich seinem Freund die Pratschen,
    Dem Hässlichzerrer** besserer Naturen.

    Der liefert hexen, jender liefert Huren,
    Und beide hören sich aus einer vollen
    Parterrekloak' bejubeln und beklatschen.

    Schämt euch, ihr Bessern, auch mit einzupatschen!
    Die Müh, uns zu vernichten, ist verloren:
    Wir kommen neugebärend, neugeboren.

    * Der hyperboreische Esel - Scherzspiel, mit dem Kotzebue die Romantiker verspottet.
    ** gemeint ist Böttiger
    Die Quartette sind im bekannten Muster abba abba gereimt.
    Die drei Terzette folgen diesem muster: cde ecd dff

    Und dazu noch ein Schweifsonett aus unseren Reihen: Isaban: Schlichte Reime.



    Sonettenkranz

    Ein Sonettenkranz besteht normalerweise aus 15 Sonetten. Jedes Sonett beginnt mit der Schlusszeile des vorangegangenen. Das 15. Sonett (meistersonett oder sonetto magistrale) besteht aus den 14 Anfangsversen der anderen Sonette.

    Ein Beispiel mit ausführlichen Kommentar hier im Forum ist Walthers So nett in Xania




    Durchgereimte Sonette (sonetto continuo)

    In diesen Sonetten werden die Reime aus den Quartetten auch in den Terzetten verwendet.




    Dialogsonett



    Innerhalb des Sonetts lässt der Dichter verschiedene Figuren sprechen. Dabei können die Redeanteile strophenweise aufgeteilt sein oder die Sprecher wechseln, wie im folgenden Beispiel, auch innerhalb der Strophen.

    Zacharias Werner: Der Weg

    Passagier
    Kein Sternlein ist am Himmel mehr zu haben,
    Und i8mmer schlingt der Wind sich in Gewinden,
    Als könn' er aus sich selbst heraus nicht finden!
    Die Pferde, Schwager, wollen nicht mehr traben! -

    Postillon
    Hm! - Hört ihr nicht dort unten schrei'n die Raben?
    Es ist, als ob die Gäul' das auch verstünden!
    Viel Thränen zogen wohl nach jenen Gründen;
    Da liegt viel ehrlich Menschenvolk begraben! -

    Passagier
    Ein Licht im Thal! Ist's Jena?.......................
    Postillon
    ......................................Fehl geschossen!
    Das Lichtlein kommt von einer Wassermühle!
    Doch sind wir hier erst, sind wir bald zur Stelle!

    Passagier
    Aus Wasser - Licht?! Mit Gott! Ins Horn gestoßen!
    Rasch, Pferde, 's geht im Dunkeln auch zum Ziele! -
    Ich such den Meister* auf, wenn's wieder helle! -

    * gemeint ist Goethe


    Natürlich ist diese Übersicht nicht vollständig. Nicht im Geringsten. Deshalb bin ich sehr dankbar für Anregungen, Erweiterungen, Ergänzungen und Korrekturen.


    Viel Spaß!
    yaira
    Geändert von yaira (14.09.2009 um 16:28 Uhr)
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  8. #8
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    Da allgemeines Mittun gefragt ist, möchte ich 'meine' spezielle Spielart des Sonettes vorstellen, an und mit der ich vor zwei Jahren intensiv gearbeitet habe.

    Die Lemniskate


    Ausgangslage war der Wunsch, auch für schwebende, nicht lineare Themen und Gedanken eine starke, in sich abgeschlossene Gedichte-Struktur zu haben. Entstanden ist die so die Lemniskate, bewusst benannt nach der liegenden Acht, welche die Unendlichkeit symbolisiert.

    Dies ist eine Inversion des Sonetts, bei welcher die Terzette in der Mitte liegen. Die Endidee, in den Terzetten die Form cde-edc zu verwenden, habe ich hier dem Inhalt geopfert. Verwirklicht ist aber der Wechsel im Metrum:
    Quartette: 5-hebiger Jambus;
    Terzette: 4-hebiger Daktylus,
    was dem Mittelkreuz noch einmal einen grösseren Zug gibt.

    Arkanum 14: Die Mässigkeit

    Du hast ein gutes Mass für dich gefunden,
    weil alles fliesst und dennoch in sich ruht.
    Hier mit Bedacht und da im Übermut
    kannst du dein Leben stetig neu erkunden.

    Bestrebt, sich von neuem zum Ganzen zu schliessen,
    zerfällt diese Welt in die kleinsten Fraktale -
    es hält sich die Waage, wie der Fragende weiss.

    Beseelt von dem Wunsch, wieder überzufliessen
    füllt eine so wieder die andere Schale,
    sich schenkend, empfangend im endlosen Kreis.

    Die Ausgewogenheit wird eingebunden.
    Ein neues Holz, entflammt an alter Glut,
    bestätigt die Beständigkeit als Gut -
    und Ruhe wird lebendig nun empfunden.

    by yarasa, 07
    Falls Interesse besteht, gibt es noch andere Versuche in dieser Form.
    Geändert von yarasa (08.08.2009 um 09:18 Uhr)
    .
    .
    Ich liebe Grammatik.
    Erst sie verleiht unserem Denken seine Struktur.
    .

    ...und wer Lust hat, schaut einmal, was die Flatterfrau sonst noch zu bieten hat in den virtuellen Weiten des WorldWideWeb

  9. #9
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    Liebe yarasa,

    über diesen beitrag freue ich mich ganz besonders, weil ich die Form zwar kenne, selbst auch schon so verwendet habe, aber sie literaturwissenschaftlich scheinbar nicht bearbeitet ist, zumindest habe ich nirgends einen Hinweis darauf gefunden, außer in div. Foren.

    Die Benennung ist interessant, vor allem, weil mit ihr ja auch wirklich das Reimschema zusammenhängt.
    Ich gehe davon aus, dass dir diese "Spielart" auch sonst noch nicht (in der wiss. Literatur oder bei Kanon-Dichtern) begegnet ist? Würde mich wirklich interessieren...


    Liebe Grüße
    yaira
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  10. #10
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    Hallo ihr Lieben,

    an einem anderen Ort hat jemand die Frage danach gestellt, warum das Sonett immer wieder als "Krone der Dichtkunst" beschrieben wird. Wenn man sich auch in unserem Forum umschaut, das Sonett umgibt häufig ein gewisser Nimbus - es ist für viele eine ganz besondere Form. Warum ist das so?

    Ich habe mir holzschnittartig Gedanken dazu gemacht. Sie sind nicht spruchreif, nicht genügend ausformuliert - eben nur meine Eindrücke nach einer langen Beschäftigung mit der Form und der Erfahrung als Schreibende.

    Ich lasse sie euch hier, vielleicht will ja jemand mit mir darüber diskutieren...

    Meine Gedanken zu diesem Thema kann ich im Moment nicht wirklich wissenschaftlich untermauern, leiten sich aber zum einen von der Länge und der Form her.

    Die Länge hat wirklich etwas für sich - wie Mönch so schön geschrieben hat: Sie eignet sich perfekt, um eine Frage oder einen Gedankengang zu formulieren, weshalb sie als Kommunikationsform auch so beliebt war/ist - so seine These). Dazu kommt mMn die relative Abgeschlossenheit der Form. Hänge so viele Kanzonenstrophen oder Distichen (ein einzelnes wird normalerweise Sentenzhafter als ein Sonett) aneinander, wie du willst, das Sonett ist erstmal abgeschlossen (Variationen sind normalerweise, wenn gut gemacht, inhaltlich motiviert).

    Zweitens, die Form: Die formale Zweigliedrigkeit, die fest eingebrannten Regelpoetiken im Kopf (auch wenn man sich von ihnen lösen will, sie hängen fest, wenn man sich mal damit beschäftigt hat) - beides führt zu einer Mischung aus Besonderheit wegen der Anwechslung innerhalb einer Form und wegen der "Schwierigkeit" der Form, die aber, selbst für einen Dilettanten leichter regelhaft zu erfüllen ist als eine Ode oder ähnliches. Dazu kommt dann noch, dass eben diese Regelpoetiken ziemlich dazu reizen, mit ihnen zu brechen, was das Sonett eben doch zu einer unfesten Form macht (nach Greber - aber Gattungsdiskussionen brauchen wahrscheinlich einen gesonderten Platz, weshalb ich das nur anschneiden will, wichtig ist es für mich in diesem Zusammenhang aber schon).
    Diese gegensätzlichkeiten innerhalb der Form, innerhalb der gattung, innerhalb der wechselhaften Geschichte des Sonetts halten es in meinen Augen aktuell, und durch die Aktualität vermischt mit der Tradition könnte man die Bezeichnung "Krone" erklären. Zumindest erkläre ich sie mir so.


    PS: Nicht zu vergessen ist unser Deutschunterricht, wie ich finde. Ich würde jede Wette eingehen: wenn ein durchschnittlicher Abiturient eine Gedichtform benennen kann, dann das Sonett.
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