Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Luftleerer Raum
Mondscheinsonate
30.06.2008, 12:22
Die Türe muss geschlossen bleiben, damit der Raum die vielen Worte nicht mehr verliert.
Hinter der Kuckucksuhr ein leises Ächzen. Die Holzdielen weinen in einem fort.
Briefe, vergilbt und doch unberührt, nie gelesen, nie entsorgt, beinahe sinnlos, auf dem schwarzen Sekretär neben dem Sofa. Die Fenster geschlossen, damit kein Windhauch durch die Stille dringt. Jahre vergehen, Jahre kommen, die Gegenwart ist unauslöschlich.
Ein Brieföffner am Boden, die Teppichfransen unordentlich, ungekämmt.
Eine blasse Hand auf Charles Dickens, die andere auf der grünen Lehne.
Staubflanken flüstern sich gegenseitig Liebeslieder zu, man hört Gartengeräusche nach Innen dringen. Ein Fliegenkadaver aus vergangenen Tagen auf dem Fensterbrett.
Es gibt kein „Dann…“, es gibt nur Stille im Ohr, es muss so sein, so sein, wie es ist.
Eine verlorene Christbaumkugel hinter dem Vorhang, sie blitzt ein wenig hervor. Niemand hat sie bemerkt. Niemand bemerkt auch jetzt die innere Ruhe, die gefunden worden ist.
Schattenblume
19.07.2008, 16:46
hallo Mondscheinsonate,
viele, nein, alle Gegenstände tragen hier Geschichten in sich,
und erzählen mir, dank deines feinsinnigen Gehöres, von dem, worüber niemand mehr ein Wort zu verlieren scheint.
Bewegte Jahre - es müssen wohl viele sein - schimmern noch ganz schwach durch den Staub...
Staubflanken flüstern sich gegenseitig Liebeslieder zu - meine Lieblingsstelle, gleich neben dem leisen Ächzen hinter der Kuckucksuhr, und den in einem fort weinenden Holzdielen. die noch dazu einen wunderbaren Klang trägt. Aber auch der Fliegenkadaver (ich mag dieses Wort: Kadaver!) aus vergangenen Tagen auf dem Fensterbrett ist ein starkes Bild. Vielschichtig scheint es mir auf Lebensäuuserungen und -entäusserungen, Vergänglichkeit, Hingabe und Aufgabe zu deuten. Wollte ich jetzt auf diese Vorstellungen noch näher eingehen, würde ich mich dabei wohl arg verzetteln...
Durch die kurzen Sätze führst du mich mit scheinbar leichter Hand in + durch diesen merkwürdigen Raum, als würde ich selbst darin umher gehen können.
Intim anmutende Feinheiten lassen mich wie auf Zehenspitzen über die vereinsamten Holzdielen schleichen, und es kommt mir so vor, als fände ich selbst Nichtbeschriebenes zwischen diesen Zeilen und Wänden.
Ich habe mich lange und gerne darin aufgehalten - womöglich ja auch,
weil mich diese Atmosphäre ganz stark an das Zimmer meiner geliebten Grossmutter im Altenheim erinnert, die ich als Kind dort fast täglich besuchte.
Doch selbst wenn meine Assoziationen fern deiner textbezogenen Gedanken liegen sollten, ruft das Beschriebene Gedanken in mir wach, die wohl noch schliefen, als ich klein war, und meine Grossmutter noch lebte. Und wer weiß: Vielleicht konnte ja zumindest ich in dieser Zeit das Hervorblitzen ihrer Lebendigkeit erkennen - Kinder blicken ja mit ihrer unstillbaren Neugierde gerne auch mal hinter Vorhänge...
wie auch immer. neben all diesen Gedanken und Vermutungen steht noch immer dein Text für sich, und ich kann ihn ebenso auf sprachlicher Ebene, ohne Interpretationsambitionen voll und ganz geniessen. Allein die detaillierten Beschreibungen verschaffen mir schon wahren Lesegenuss.
danke für diese (womöglich unbeabsichtigte) Zeitreise und Einblicke
liebe Grüsse
J.
Mondscheinsonate
21.07.2008, 09:49
Liebe Schattenblume,
vielen Dank für Deine ausführliche Kritik. Ich bin wirklich gerührt. Das Zimmer zeigt die Vergänglichkeit des Lebens, aber nicht der Dinge. Die Fliege: tot, der Mensch:tot und er scheint auch vergessen. Nur die Gegenstände zeugen von irgendeinem Tun, einem Leben, das gewesen ist. Wir hinterlassen ja oft nur Gegenstände und diese sind unsere stillen Zeugen, dass wir da waren.
Eigentlich traurig. Es kommt der Entrümpler. Irgendwann. Dann hat auch das Zimmer keine Worte mehr.
Wie auch immer, meine Großmutter war auch eine Begleiterin in diesen Zeilen, weil mich die Stille sehr an ihren Tod erinnert hat. Es freut mich, dass Dir der Text gefallen hat und ich verbleibe mit ganz lieben Grüßen,
Corina
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