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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Haiku (Versuch 2)


witch
09.07.2008, 00:55
Auf buntgetupften
Feldern liegt Kamillenduft -
Radspeichen surren

oder?

Surrende Speichen -
Von buntgetupften Feldern
weht Kamillenduft


Originalversion:

Auf buntgetupften
Feldern liegt Kamillenduft -
Grillen musiziern

koenigindernacht
09.07.2008, 06:26
Liebes Hexlein,

Du willst den heißen Sommertag einfangen mit seinem Kornblumenblau, den Resten vom Mohn und den weißen Kamillenblüten. Ich sehe dies ganz genau vor mir und höre sehr gerne das Grillenzirpen, wenn ich zwischen den Feldern spazieren gehe. Für diesen Versuch gibt es nur einen Tipp von mir: Genau beschreiben ("musizieren" ist deine Interpretation) und trotzdem lyrisch bleiben. Der Leser will den Moment genau vor sich sehen. Ob er die Grillen hört und sie für ihn eher nervend oder musizierend sind, musst du ihm überlassen. Guck mal, ich habe die Grillen hier ganz raus gelassen. Hörst du sie trotzdem? Herzlichst, die Koe

Buntbetupft das Feld
In der Sommerschwüle steigt
Kamillenduft auf

Medusa
09.07.2008, 22:24
Liebe witch,
ich glaube, die Koe hat Recht. Ihr Vorschlag ist sehr schön, sie weiß sehr viel über Haiku.
Trotzdem würde ich wenig oder gar nichts ändern. Mir gefällt dieser Moment sehr gut und bringt in mir etwas zum Klingen, obwohl er wenig Spielraum für eigene Phantasien lässt. Das ist allerdings die Voraussetzung für ein gelungenes (n? oh weh!) Haiku.
Ich weiß über diese Gedichtsform nur so viel, wie es sich aus dem Internet herauslesen lässt. Das ist natürlich recht spärlich. Mir gefällt Deine Experimentierfreudigkeit und für einen zweiten Versuch empfinde ich diese Zeilen als sehr gut gelungen.
Mach mal weiter, ich bin sehr gespannt.
Gute Nacht,
Medusa.

witch
09.07.2008, 22:50
Liebe Koe,

ja, ja, so langsam denke, glaube, hoffe ich, zu verstehen. Wegen dieser letzten Zeile war ich mir insgeheim schon unsicher, bevor Du mir unter die Arme griffst, konnte aber noch nicht so recht fassen, was nicht stimmt. Von daher bin ich Dir äußerst dankbar, dass Du Dich meiner angenommen hast... Was mir, das weiß ich nun seit heute Nacht und dem Einverleiben der vielen Haikubeispiele, außerdem nicht behagte, war die Einengung auf die reine Naturbeschreibung. Da fehlte mir der Pepp. Ob ich den mit den Speichen nun hiheingebracht habe, weiß ich auch noch nicht so recht. In Deinem Haiku gefällt mir die Schwüle. Ginge denn für ein Haiku auch eine Kombination, die "Lücken" lässt? Meine Idee zur Verquickung von Deiner Lösung und meiner wäre:

Aus buntgetupfter
Schwüle steigt Kamillenduft
Radspeichen surren


Das gefiele mir vielleicht noch besser so, aber wäre eine "buntgetupfte Schwüle" für ein Haiku legitim? Auch hier nochmals innigsten Dank für Deine engagierte Hilfe.

Liebe Medusa,

auch Dir meinen Dank für die wohltuende Ermutigung. Ich wusste schon, wieso ich so lange einen Bogen um das Schreiben eines Haikus gemacht habe... Ihr habt ja inzwischen oft genug unter meinen Problemen "gelitten", mich kurz zu fassen. Schön, dass Dir dieses Haiku schon so etwas vermitteln kann, aber verstehe bitte, wenn ich dennoch versuche, es zu verbessern. Ab dem Wochenende habe ich ganz viel Gelegenheit, Eindrücke zu sammeln, die vielleicht zu weiteren Haikus führen. Dann fahren wir nämlich in den Urlaub. Spätestens danach lesen wir uns .. Bis dahin

Euch beiden liebe Grüße

witch

Rosenresi
10.07.2008, 09:28
mit viel Interesse verfolge ich deine Haiku-Versuche.
Von den beiden aktuellen sagt mir die zweite mehr zu, besonders wegen den surrenden Speichen. Sie gefallen mir wirklich sehr gut, drum gehören meinem Geschmack nach auch in die letzte Zeile.
Weht hingegen ist zwar weniger passiv als liegt im ersten, wirkt aber der Sommerhitze vielleicht etwas entgegen. Mir spukt in diesem Zusammenhang eher die Strömungswärme aus dem Physikunterricht im Kopf rum.
Deshalb sähe mein Vorschlag so oder ähnlich aus.

Vom bunten Feldrain
strömt der Duft der Kamille-
surrende Speichen

ich hoffe, meine Gedanken konnten dir als eine kleine Anregung dienlich sein.:)

Fio

yaira
10.07.2008, 16:02
Hallo Hexlein,

ich wag mich hier an ein Gebiet, von dem ich kaum etwas verstehe (ich kenne Haiku nur von diversen Forendiskussionen, so auch von der interessanten zu deinem ersten Versuch), also verzeih, wenn ich hier recht unqualifiziert nur mein Gefühl dazu versuche verständlich zu machen.

Auf buntgetupften
Feldern liegt Kamillenduft -
Radspeichen surren

Surrende Speichen -
Von buntgetupften Feldern
weht Kamillenduft

In der ersten Version finde ich gelungener, dass die "surrenden Speichen" am Ende stehen. Sie eröffnen ein neues Bild, erzeugen einen Nachhall, wecken Assoziationen. Als Einstieg (Version 2) gefallen sie mir nicht ganz so sehr, da ich eine Beschreibungoptischer Reize für geeigneter Halte, den Leser erst einmal in das Bild einsteigen zu lassen.
Was mich an Version 1 etwas stört ist der Zeilenbruch zwischen buntgetupften und Feldern - das gehört für mich unweigrlich zusammen, schöner wäre der Bruch vor einem Verb. Hier kannst du natürlich nicht einfach die Verse verschieben, da du dich ja ans Silbenschema halten willst, nicht? Aber vielleicht bieten meine Gedanken trotzdem eine Anregung.

Liebe Grüße
yaira

Walther
14.07.2008, 19:47
Hallo in die Runde,

das Auf buntgetupften
Feldern liegt Kamillenduft -
Die Grillen zirpen wäre ein perfektes Sommerhaiku. Bei den anderen Varianten fehlt mir der Haikumoment, der genau so viel Rahmen schafft, daß ein Bild im Kopf des Lesers entsteht.

Das Surren der Räder paßt nicht ins Bild. Es reißt aus der Kontemplation, die ein wesentliches ZEN Element des Haikus ist.

Ebenso haben wir in diesem Vorschlag Buntbetupft das Feld
In der Sommerschwüle steigt
Kamillenduft auf eine klassische Dopplung, ein NoNo für die Haikudichtung, denn in der Schwüle ist der Sommer bereits ebenso enthalten wie in den buntbetupften Feldern. Das Haiku als Lyrik in der kürzestmöglichen Form lebt vom sparsamen Einsatz des Pinselstrichs.

Das Originaloriginal opfert im Verb "musiziern" eine Silbe der 5-7-5 Regel wegen. Wie oben gezeigt, kann man das Bild umsetzen, ohne eine Silbe verlieren zu müssen.

Ich habe die Texte und Erläuterungen gerne und mit Interesse gelesen. Allerdings habe ich als Newcomer noch nicht ganz verstanden, wo das Haiku hier hingehört, eher unter Naturlyrik oder Mininallyrik. Ich habe die meinen unter Letzterem gepostet.

Frohes Dichten und Werken.

Gruß W.

basse
14.07.2008, 20:39
ich wollte auch hallo in die runde sagen :)

und stoße aufgrund von walthers Aussagen zu euch, die mir sehr zusagen, da ich denke das er Recht hat. zunächst muss ich rein gefühlmäßig mich der meinung anschließen und sagen das ich auch zu diesem hier tendiere:

Auf buntgetupften
Feldern liegt Kamillenduft -
Die Grillen zirpen

unzwar habe ich mich jetzt angeschlossen weil ich begeistert von walthers Aussagen bin :), dort steht Kontemplation= mein frage wäre jetzt. ja hat dann das Haiku das gleiche Ziel wie das Koan? jedoch umgekehrt die Vorstellung einer Szene so zu komprimieren, dass sie greifbarer wird obwohl die Szene an sich viel zu komplex wäre...dies klingt für mich sehr interessant,

des Weiteren fielen mir auch einige absurde Haikus auf, die gerade diese Kontemplation auf Koan weise suchten...steht dort ein direkter zusammenhang..ich bin sehr interessiert:)

LG basse