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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Behütet und geborgen


Goldlaub
18.07.2008, 18:58
Braungelbe Gräser beugen sich
in pendelnder Geduld
den Böen am Grund

Wacholderblüten an Dolden
hüten und bergen
Korbkränze im Gebüsch

Fiepsende Bäusche beschreien
den Schnabel voll Käfer
für Schlund und Bauch

Dem Heckengrün entfliegt ein Jäger
im Innern ist es wieder still
behütet und geborgen

yaira
21.07.2008, 09:07
Hallo Goldlaub,

wie schade es immer wieder ist, wenn Gedichte unkommentiert bleiben, deshalb bin ich mal wieder tauchen gegangen und habe deinen hübschen Text gefunden.
Ich mag, die Art, wie du bis S3 immer näher heranzoomst, vom Feld, zur Hecke bis ins Nest. Der parallele Aufbau der Strophen verstärkt dieses Gefühl noch.

In S1 begestert mich vor allem die klangliche Weichzeichnung durch die "b" und "g" und den Diphthongen und langen Vokalen. Einzig "pendelnder" fällt hier ziemlich heraus, aber dafür ist es bildlich einfach sehr trefend.

S2 ist auch klanglich sehr hübsch, v.a. durch Wacholder und Dolden. Über "Korbkränze" bin ich zuerst gestolpert, weil ich sie nicht einordnen konnte, aber klar, diese kleinen Nester, die kaum auffallen in den dichten Hecken... Die 2 K in diesem Wort ind Verbindung mit dem z sind sehr hart, aber man könnte sagen, dass sie es sein müssen, um Schutz zu bieten, nicht wahr?

"Beschreien den Schnabel" ist ein sehr schönes Bild.

Schenke "enfliegt" noch sein "t", das ist verloren gegangen.

Ich finde es nicht so geschickt, das Innere stil sein zu lassen, schöner fände ich ein "im Innern", aber das ist nur eine kleine Geschmackssache.
Die verwendeten Adjektive in diesem Text sind sehr aussagekräftig, da ist mir "flink" bei Jäger zu sehr ein Allgemeinplatz im Vergleich. Das klingt ein bisschen zu sehr nach dem Kommentar bei einem Tierfilm, finde ich. Hältst du es vielleicht für entbehrlich?

Ich habe gern die kleine Szene mitbeobachtet.

Viele Grüße
yaira

Goldlaub
24.07.2008, 14:58
Hallo yaira

Es freut mich besonders, dass du meine Ideen zur Komposition dieses Gedichtleins vollkommen erkannt hast!
Ich habe befürchtet, nein, erhofft, dass die Korbkränze zwar zuerst eine Frage im Leser auslösen, im Laufe der Story aber doch als Nester identifiziert werden können!
Auch meine "Kameraführung" von der Ferne in die Nähe hast du mitbekommen, ebenso meine Bemühungen einer weichen (friedlichen) Phonetik, vor allem in den vorderen Versen! :)
Und deiner Aufmerksamkeit ist dieser Schreibfehler genauso aufgefallen.
Weiter Vorschläge von dir - flink streichen und das Innere austauschen - hab ich gern übernommen.


Ich danke dir für Kommentar, Lob und nötiger Kritik! :)

Grüßle
Rolf

monalisa
26.07.2008, 11:35
Hallo Goldlaub,

auch mich haben deine Verse , in ihrer ruhigen, beruhigenden Phonetik sofort angesprochen,
die das Gefühl der Geborgenheit so wundervoll verbreiten. Klang-Spielereinen wie "Wacholder - Dolden" , "...-blüten - hüten" erinnern mich ein wenig ein Kinderlied, was ich als sehr stimmig und passend empfinde. MIt den "Korbkränzen" hatte ich verständnismäßig keine Schwierigkeit, aber klangmäßig finde ich es schon ein wenig hart . Ich könnte mir vorstellen , dass etwas Weicheres wie "Zweiggeflecht" oder Ähnliches mich noch mehr begeistern könnte.
Mit S1 Z3 habe ich ein wenig Probleme: " ...den Böen am Grund" - was soll ich mir drunter vorstellen? Meinst du: "...Gräser beugen sich den Böen bis zum Grund" ? "An dem Grund" ergibt für mich irgenwie keinen Sinn.

Ich finde dieses Gedicht wirklich ganz bezaubernd, auch das "Heranzoomen" (wie yaira schon bemerkte) gefällt mir sehr. Alles in allem - wirklich gelungen! Bravo!

Liebe Grüße,
monalisa

Goldlaub
29.07.2008, 14:54
Hallo monalisa

Ja, das hart auszusprechende Korbkränze ist ein wenig wider der Weichheit der Worte zuvor. Ich habe auch schon vor dem Einstellen Alternativen ausgedacht (Büschelkränze, Büschelmulden Astbettchen, Heubettchen...) um der allgemeinen Bezeichnung Nestchen auszuweichen. Auch deine Idee Zweiggeflecht hat zumindest am Anfang einen extrem harten Konsonant. Wie schon gesagt, Korbkränze ist neben allen möglichen Alternativen nach meinem Dafürhalten das beste bildhafte Synonym.

Böen am Grund soll ausdrücken, dass am Wiesengrund oder am Boden sanfte Windstöße das Gras wie in Wellenbewegungen zum Beugen bringen.
Also Böen nicht in den Bäumen, sondern tiefer. Ist vielleicht nicht vollkommen sattelfest, weil der Grund nicht näher bezeichnet ist, ok, aber mit Fantasie....;)

Ich danke dir für Kommentar, Lob, Kritik und Ideen zum Gedicht. :)

Grüßle
Rolf

monalisa
29.07.2008, 15:10
Hallo Rolf,

wenn Gräser sich beugen, ist schon klar, dass sich die Windböen in Bodennähe und nicht in Baumwipfeln befinden, meine ich. Und "Böen an dem Grund kommt mir immer noch komisch vor, müsste es da nicht "auf dem Grund" heißen?

lg monalisa

lautleise_amelie
29.07.2008, 15:30
servus rolf,


nicht umsonst ist die natur-lyrik die königsdisziplin! hundertfach besungene, beschriebene ereignisse, die von einer an sich so unaufdringlichen art sind, dass eben nur der, der genau hinsieht und sich als teil der natur fühlen kann und will, sie enteckt und schätzt. dass es dir hier gelungen ist, ein so kleines wie feines naturereignis so außergewöhnlich individuell gesehen und lautmalerisch wunderbar gefärbt darzustellen, dass es einen so in den bann schlägt beim lesen, halte ich für eine wirklich meisterliche leistung.

da sitzt jedes wort, jeder vokal, jede länge. die worte greifen kunstvoll ineinander und weben einen wirklich ästhetischen klang- und bildteppich. man kann die nicht-zufälligkeit in wahl und formulierung deutlich erkennen, dennoch wirkt sie nie im negativen sinne "gewollt".

damit erhebt sich dein gedicht für mich über die bloße gekonnte darstellung schon zu einem kabinettstückchen.

sehr sehr gern gelesen!

lieben gruß,

die amelie

Goldlaub
30.07.2008, 13:15
Hallo monalisa

Ich hab mich fachkundig gemacht und denke, dass meine Schreibweise schon ok ist. Die wogenden Bewegungen finden ja nicht direkt (aufliegend) auf dem Grund statt, sondern in Bodennähe, also am Grund.
Aber auch die andere Schreibweise wäre wohl nicht zu beanstanden!
Anmerkend möchte ich mich bei Cyparis bedanken, mit dem ich mich diesbezüglich per mail ausgetauscht habe! :)

Hallo amelie

Ja, eine genaue Beobachtung der Geschehnisse in der Natur sind schon nötig, um sie wiedergeben zu können. Es freut mich natürlich zusätzlich, wenn mir eine gut umgesetzte Beschreibung dieser Natur bescheinigt wird!

Danke für Kommentare und Lob.

Grüßle
Rolf