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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Smokey Mountain


Baratheon
23.07.2008, 14:34
Was folgst du dem Paarlauf der Schnuppen, Imee?
Sie scheinen nicht dir, nicht mal eine,
zu leuchten, mein Mädchen, zu flimmern, Imee.
Ihr Flackern ist Irrlicht alleine.

Doch locken die Splitter zur Klippe, Imee.
Sie schimmern, mein Kindchen, als scheine
in Ferne die Kippe zu schwinden, Imee,
auf der du hier stehst. Es sind Steine.

Hier oben die Maden, sie wimmeln, Imee,
und Scherben zerkratzen die Beine.
Ihr Glänzen, dein Lichtblick, ist alles -versteh!-,
was ist und was wird, meine Kleine.
Was bleibt, ist ein Haar auf der Kuppe, Imee,
die Wimper, die letzte, doch deine.

Lena
25.07.2008, 07:16
Hallo Baratheon

Nachdem ich dein Gedicht immer wieder gelesen habe,..bin ich leider immer noch nicht schlauer als zuvor.

Dennoch..muss ich dir schreiben.

Dein Gedicht ist für mich eine wundersame traurige Melodie.

Imee ist ein weiblicher Vorname.

Was folgst du dem Paarlauf der Schnuppen, Imee?
Sie scheinen nicht dir, nicht mal eine,
zu leuchten, mein Mädchen, zu flimmern, Imee.
Ihr Flackern ist Irrlicht alleine.

Das könnte so vieles bedeutet.

Imee irrt einem Wunsch einer Hoffnung entgegen?

..mein Mädchen, klingt sehr zärtlich.

Ich komme nicht weiter.

Klärst du mich auf?

Dein Gedicht ist so herrlich..melodisch..es faziniert mich.

Lena :)

Chavali
25.07.2008, 07:30
Lieber Bara,

wenn ich nicht irre, heißt dein Titel "Rauchender Berg" oder ähnlich.
Ich glaube, du beschreibst ein Mädchen, Imee, das rauschgiftsüchtig ist
und ihre Träume im Rausch.
Oben auf der Kuppe des Berges (der Trip) ist es schön, aber gefährlich - Gefahr für ihr Leben...

Seltsame Worte hast du gefunden, Bara, aber sehr poetisch, fast sinnlich (S1).

Ein klasse Text, ein wenig mysteriös, ein wenig lakonisch.
Wunderbar gemacht!


Lieben Gruß,
katzi

Baratheon
25.07.2008, 07:32
Guten Morgen Lena,

ich fasse mich mal kurz und erkläre, was es mit diesen beiden Ströphlein aufsichhaben soll.
Smokey Mountain ist eine Müllhalde in Manila auf den Philippinen und Imee der Spitzname der Tochter des ehemaligen Präsidenten Ferdinand Marcos bzw. eines beliebigen sogenannten Müllmädchens.
Eigentlich fehlt noch eine Strophe, die dies alles etwas deutlicher macht, aber jetzt am Wochenende werde ich leider nicht mehr dazu kommen.

Ich freue mich sehr darüber, dass dir das Gedicht klanglich so gut gefällt.

Ein schönes, sonniges Wochenende wünsche ich dir.

Liebe Grüße

Bara

edit:

Hupps, katzi. Da ham wa uns übergeschnitten!

Mit der Kuppe meinte ich die Fingerkuppe, auf der die Wimper liegt.

Auch dir ein feines Wochenende und sowieso alles Gute.

Viele Grüße

Bara

Chavali
29.07.2008, 15:24
Lieber Bara,

da lag ich ja völlig daneben, was deine Intention betrifft.
Nun, ich hätte ja auch einfach nur Smokey Mountain bei google eingeben können,
dann hätte ich gewusst, dass es sich nicht um Junkies handelt.

Aber so habe ich deinen Text dahingehend interpretiert.
Was für eine tolle Nebenwirkung: Gedichte machen schlau ;)

Ich finde deinen Text immer noch und gerade wegen deiner wahren Absicht
sehr berührend und aufrüttelnd.
Deshalb steht er zu Recht jetzt wieder oben.

Lieben Gruß,
katzi

Baratheon
04.08.2008, 23:01
Hallöchen katzi,

wunderbar, doch noch ein wenig Zeit, dir dankend die Pfote zu drücken. :)

Dass das Lesen im Allgemeinen schlau macht, ist auch für mich eine völlig neue Erkenntnis, und ich bin schon richtig heiß drauf, das mal auszuprobieren.

Vielen Dank dafür, liebe katzi, und eine schöne Nacht

Bara

Sigmar Erics
13.08.2008, 22:04
Lieber Bara,

wie Du weißt, mag ich Deinen Stil sehr. Metrum und Reim sind stets perfekt, und Du verdichtest den Klang Deiner Werke immer durch zahlreiche Binnenreime, Assonanzen und Alliterationen, ohne daß die Wortwahl je gezwungen klingt. So auch hier. Beispielsweise führt ein Bogen vom ersten Vers "Was folgst du dem Paarlauf der Schnuppen, Imee?" zum vorletzten hin: "Was bleibt, ist ein Haar auf der Kuppe, Imee,".

Die Gesamtform sieht nach einem Bar aus. Entsprechend sind die Leseerwartungen des Kundigen darauf gerichtet, zwei parallele Stollenstrophen und anschließend einen Abgesang zu hören, der sich inhaltlich, v.a. aber auch in den Reimen vom Aufgesang abhebt. Dieses Prinzip ist ja nicht allein dem Sonett vorbehalten.
Du enttäuschst diese Erwartung, denn die Reime bleiben über den gesamten Text im Wortsinne identisch. Das evoziert die Vorstellung einer Ödnis, die sich erstreckt, so weit das Auge reicht.

Inhaltlich sehe ich eine bestürzende Katabasis von den Phantasien eines kleinen Mädchens, die nach den Sternen greifen, über die Klippe einer Kippe, Steine bis hin zu einer einzigen Wimper. Nichts könnte die Hoffnungslosigkeit und Erbärmlichkeit eines solchen Menschenlebens deutlicher vor Augen führen.
Hoffen wir, daß das Müllmädchen Imee noch einige Zeit in ihren Kinderträumen leben kann, bevor sie erkennt, was das LI ihr erklärt: diese Armut ist und war und wird sein in Ewigkeit.

Da gibt es m.E. nichts Wesentliches zu verbessern, nur ein bißchen Interpunktion:

Sie schimmern, mein Kindchen, als scheine,
in Ferne die Kippe zu schwinden, Imee,

Vermutlich willst Du Imee ansprechen und ihr sagen, daß die in-fernalische Kippe in der Ferne schwindet. Dann muß das Komma hinter "scheine" weg, denn was jetzt da steht, ist: "Sie schimmern, mein Kindchen," als würde Imee scheinen, um "in Ferne die Kippe zu schwinden", was immer der Dichter uns damit sagen wollte...

Hier oben, die Maden, sie wimmeln, Imee,
und Scherben zerkratzen die Beine.
Ihr Glänzen, dein Lichtblick, ist alles -versteh-,
was ist und was wird, meine Kleine.

Zwischen "oben" und "die" gehört m.E. kein Komma.

Hinter dem Imperativ fehlt mir das Ausrufezeichen. Ich habe es eben in meinem (alten) Duden - extra für Dich! - noch einmal nachgeschlagen:

Das Ausrufe- oder Fragezeichen steht vor dem zweiten Gedankenstrich, wenn es zu dem eingeschobenen Satz oder Satzteil gehört:
Ich fürchte - hoffentlich zu unrecht! -, daß du krank bist. (...)


Ansonsten: picco bello!

Liebe Grüße,
S.

Baratheon
18.08.2008, 09:11
Lieber Sigmar,

ich freue mich sehr über diesen ausführlichen Kommentar und deine wertvollen Tipps.

Dass ich sowohl mit der inhaltlichen Gestaltung als auch mit den verwendeten Reimen den Vorgaben der gewählten Barform nicht gerecht werden kann, ist mir bewusst, nur lockte mich die Versuchung, dem Wörtchen "bar" etwas mehr Beachtung zu schenken und auf einen inhaltlichen Schwenker im Abgesang zu verzichten. Ich hoffte so, diese "Ödnis bar jeder Hoffnung" deutlicher zum Ausdruck bringen zu können, indem ich den kundigen Leser auf diese Weise enttäusche.

Deine Hilfestellung zur Interpunktion kommt genau zur rechten Zeit, da ich wirklich grübelte, wie ich denn den Imperativ vernünftig einzubetten habe.

Ich danke dir sehr für diesen Kommentar und hoffe, dass die Verschandelung dieser traditionellen Form nicht allzu strapazierend für den Profi ist.

Viele liebe Grüße, eine schöne Woche und sowieso alles Gute

Bara

Sigmar Erics
18.08.2008, 14:01
Lieber Baratheon,

wahrscheinlich hätte ich das Verb "enttäuscht" nicht verwenden sollen, denn meine Bemerkung zu der Ödnis der Reime war keineswegs als Mäkelei gemeint. Es ist doch offensichtlich, daß sie in direktem Zusammenhang mit dem Inhalt des Gedichts steht, und unter dieser Voraussetzung ist nach der Ästhetik, die ich vertrete, jeder Bruch mit traditionellen Regeln erlaubt - solange das Endergebnis so verständlich und in sich logisch bleibt wie in diesem Fall. Verschandelungen sind in meinen Augen nur Regelbrüche aus Unkenntnis oder Häufungen derselben, welche die Verständlichkeit beeinträchtigen.
In dieser Hinsicht ist das Gedicht tadellos.

(Vergiß aber nicht, das Komma nach "Hier oben" zu entfernen. Du orientierst Dich hier entweder an der englischen Interpunktion oder nach einem unbestimmten Gefühl, daß eine kleine Sprechpause durch ein Komma gekennzeichnet werden müßte. Es ist jedoch regelwidrig, soweit ich weiß.)

LG,
S.

Baratheon
19.08.2008, 23:22
Lieber Sigmar,

noch kurz einen schnellen Dank für deine Rückmeldung.

Es bringt im Übrigen sehr viel Spaß, von dir betreut zu werden. :)

Das von dir erwähnte Komma steht übrigens nicht aus den von dir genannten Gründen noch da, sondern schlicht aus Schusseligkeit. Wird sofort geändert.

Lieben Gruß und eine gute Nacht.

Bara

Branquignole
30.09.2008, 19:49
Hallo Baratheon,

jetzt weiß ich eine Menge über Imee Marcos und was der Smokey Mountain ist. (Ich hätte auch einfach ein bisschen scrollen können, aber ich hab mich lieber durchs halbe Web gegooglet. :D)

Was folgst du dem Paarlauf der Schnuppen, Imee?
Sie scheinen nicht dir, nicht mal eine,
zu leuchten, mein Mädchen, zu flimmern, Imee.
Ihr Flackern ist Irrlicht alleine.

Imee folgt dem "Paarlauf der Schnuppen", also etwas, das bei uns allgemein für Wünsche steht und im weiteren Sinne auch für Hoffnung - allerdings etwas, das für das Müllmädchen Imee nicht gedacht ist, wie sie fälschlicherweise (wohl in kindlicher Unschuld/Naivität) annimmt (Irrlicht).

Doch locken die Splitter zur Klippe, Imee.
Sie schimmern, mein Kindchen, als scheine
in Ferne die Kippe zu schwinden, Imee,
auf der du hier stehst. Es sind Steine.

Aber an einen Ort wird sie wohl gelockt, wenn auch von anderem "Schimmern": zur Klippe, ihrem Müllberg, also ihrer "Lebensversicherung".
Eventuell ist die "in der Ferne schwindende Kippe" auch eine Anspielung auf den "Bergrutsch", der auf einen Monsunregen folgte, bei dem der Smokey Mountain Hunderte von Menschen unter sich begrub.

Hier oben die Maden, sie wimmeln, Imee,
und Scherben zerkratzen die Beine.
Ihr Glänzen, dein Lichtblick, ist alles -versteh!-,
was ist und was wird, meine Kleine.
Was bleibt, ist ein Haar auf der Kuppe, Imee,
die Wimper, die letzte, doch deine.

"Hier oben die Maden" - und die Scherben, die die Beine zerkratzen, das klingt alles nicht nach einem gesunden Umfeld. Die Kinder spielen auf diesem Smokey Mountain, es kommt zu Verletzungen, Blutvergiftungen... aber die Scherben, gläsern und glänzend, sind für Imee ein Lichtblick, wohl das einzig Schöne ("alles, was ist und was wird"). Mehr wird sie nicht bekommen.
Die letzten zwei Zeilen schlagen wieder einen Bogen zum Anfang - ich denke an Wimpernpusten von der Fingerkuppe und sich etwas wünschen.

Die Thematik ist gut aufgegriffen und in gute Bilder verpackt - die melancholische Stimmung zieht sich durchs Gedicht, und die Ansprache Imees als LD auf diese zärtliche Art bringt einem die Geschichte gleich näher.

Wie gesagt, gefällt und gern gelesen.

Lieben Gruß, Branq