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Roderich
26.07.2008, 18:47
Geräusche


Nach dem dumpfen Geläut
der Glocken
im Kloster nebenan
nun ein forsches Stöhnen
einer Nachbarin und das tiefe Grunzen
ihres Partners, so unecht
wie das Gerede von Liebe
in Pornos.

Aus einem anderen Fenster
Tellergeklimper,
wenn die Mutter das Abendessen
bereitet und laute Schüsse
aus der Playstation,
wieder wurden Pixel getötet
mit aller gebotenen
Brutalität.

Dazwischen hacken
meine Finger auf die Tastatur
als gelte es, alle Geräusche
zu übertönen.

Dann wohlige Stille. Das Paar
hatte den Höhepunkt
(oder auch nicht),
der Tisch ist gedeckt,
die Konsole auf Off.

Und auf einmal
weiß ich nicht,
worüber ich schreiben soll.

Lena
12.08.2008, 18:32
Hallo Roderich

Ein interessantes Stimmungsgedicht hast du hier geschrieben.

Du hast keinen Reim gewählt, und deine Zeilenlänge ist sehr unterschiedlich.

Dennoch oder gerade deshalb bringst du mir ein Gefühl entgegen.

Ich spüre mich sehr nah bei deiner Tastatur..höre mit deinen Ohren..

spüre das Leben, das du beschreibst.

Es kommt an bei mir.

Gerne gelesen

Lena :)

Branquignole
17.08.2008, 17:10
Erwischt!

Da bist du ja, mit deinem prosalastigen Kram. *freu*

Und wie ich das so lese fällt mir ein, was ein gewisser Peter bei Schreib-Workshops sagt und obwohl dein Gedicht scheinbar so banal daherkommt (nein, doch banal ist), muss ich nicht viel suchen, um was zu finden.

Das:

Dazwischen hacken
meine Finger auf die Tastatur
als gelte es, alle Geräusche
zu übertönen.

Und danach das:

Und auf einmal
weiß ich nicht,
worüber ich schreiben soll.

Das erste ist so typisch Schreiberling - aussperren, aussperren, weghören, focus on the writing - und ein gewisser Peter hat gesagt, dass wir in der Hinsicht manchmal sehr dumm sind. Weil das das ist, und das steht dann da zuletzt, worauf wir letztlich angewiesen sind, um Schreiberlinge zu sein. Wenn von neben an nicht das Tellergeklimper kommt und wenn auf der Straße kein Kind mehr heult, und wenn zwei Straßen weiter nicht der Krankenwagen mit Sirene vorbeirast, und wenn... dann ist es so still, dass man sich wunderbar aufs Schreiben konzentrieren kann.

Und über was schreibt man dann?

Ich mag deine Alltagsbeobachtungen. Das hier erinnert mich jetzt ein bisschen an Erzähle mir von Rot mit seinen Kirschen und Feuerwehrautos, und die Playstation würde überall anders wie erhobener Zeigefinger und die Jugend von heute wirken, aber hier ist es banales Alltagsgeräusch von nebenan. Ich mag dein Stück Banalität. Klingt so Roderich. :)

Gruß, Franzi

Roderich
22.08.2008, 22:20
Hallo ihr zwei,

erst einmal sorry für meine verspätete Antwort - im Moment nimmt mich mal wieder die Arbeit voll in Anspruch, sodass für Privates wenig Gelegenheit bleibt - und vielen herzlichen Dank für eure Kommentare.

@ Lena:

Es freut mich ungemein, dass meine Zeilen dich erreichen konnten. Das ist alles, was man mit einem Gedicht bewirken kann, das Maximum, was sich meiner Ansicht nach verwirklichen lässt. Wenn man den Leser dazu bringt, ein wenig inne zu halten um über das Gelesene nachzudenken, hat man alles richtig gemacht.

Das mit den freien, prosalastigen Versen, tja, was soll ich sagen? Diese Prosadinger gehören halt irgendwie zu mir. Ich habe sie unterwegs gefunden und aufgesammelt und jetzt hängen sie an mir wie die Kletten. Von vielen werde ich deshalb komisch angeschaut, die mögen solche undefinierbaren Tierchen überhaupt nicht, aber ich habe mich mittlerweile damit angefreundet. Die hässlichsten Köter haben halt den interessantesten Charakter.

@ Franzi:

Schön, dich unter einem meiner Texte zu lesen, hab vielen lieben Dank für deine Worte.

Sehr interessant, was dein gewisser Peter so meint, dem kann ich mich nur anschließen. Sicher, beim Schreiben baut die Fantasie das Gebäude, aber dennoch - das Fundament, auf dem dieses Gebäude steht, sollte die Realität sein, denn die bietet einen festen Grund und alles andere nicht. Um aber die Realität darstellen zu können, muss man sie kennen, man muss Augen und Ohren offen halten, ein Gespür dafür entwickeln, was da draußen in der Welt passiert, warum es passiert, mit welchen Worten und mit welchen Begründungen es passiert. Ich gebe zu, dass ich selbst noch meilenweit davon entfernt bin, ein guter Beobachter und Zuhörer zu sein, aber ich gebe mir Mühe. Oft reicht es auch schon aus, wenn man mal einen Moment ruhig ist und den Satz, den man sagen wollte, doch nicht sagt und stattdessen die anderen reden lässt. Da kann sich dann schon Spannendes ergeben! Siehe Gedicht.

Es freut mich sehr, dass dir mein Stückchen Banalität so gut gefällt. Sicher, es ist nichts Großartiges, nichts Weltbewegendes, aber ich denke doch, dass es seine Daseinsberechtigung hat. So wie alles da draußen in der Realität.

Viele Grüße

Thomas

Panzerknacker
23.08.2008, 06:33
Hallo Roderich,

gut das ich in einer ländlichen Gemeinde lebe. Bei mir ist alles totenstill. Jetzt werden ganz gemeine Kritiker sagen, schade das er darüber nicht schreibt. Aber bei mir ist alles anders. Trotzdem gefallen mir deine Zeilen, sie wissen zu überzeugen.So stelle ich mir ein poetisches Stadtleben vor.

Der Knacki :cool: schickt Grüsse

Roderich
23.08.2008, 22:32
Hallo Knacki,

hab vielen Dank für deine freundlichen Worte! Tja, der Stadt-Land-Kontrast ist manchmal schon enorm; ich könnte mir beispielsweise ein Leben im dörflichen Umfeld kaum vorstellen - interessanterweise weniger wegen der Ruhe, die ja manchmal wirklich eine Wohltat sein kann, sondern eher wegen den Mitmenschen, die einem am Land besonders hartnäckig und mit zweifelhaften Absichten auf den Pelz rücken (v.a. wenn man am Sonntag nicht in der Kirche gesichtet wurde!). Das Stadtleben bietet da doch eher die Möglichkeit, unbeteiligter Beobachter zu bleiben, man wird nicht unmittelbar ins Geschehen miteinbezogen, wenn man nicht möchte.

Freut mich, dass mich deine Zeilen trotz unserer unterschiedlichen Umfelder überzeugen konnten.

Viele Grüße von der Stadt in die ländliche Gemeinde

Thomas