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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wien Teil 3: Die Kärntnerstrasse geht in Richtung Staatsoper


Mondscheinsonate
06.08.2008, 12:24
Wenn man genug Geld hat, dann erfreut man sich wirklich an der Kärntnerstrasse. Sie führt vom Stock im Eisenplatz hinauf zur Staatsoper. Früher waren sehr exclusive Geschäfte zu finden, heute haben sich die billigen Riesenketten eingemietet. Es lohnt, den Blick auf den Boden zu richten, da seit ein paar Jahren berühmte Sänger und Komponisten ihren „Walk of Fame“ verliehen bekommen haben. Im Sommer, zur Haupttouristenzeit, gibt es kaum ein durchkommen, da die ganze Strasse voll ist, was wie eine Ameisenkolonie aussieht.

Abbiegen zahlt sich wirklich aus, der Neue Markt mit seinem Brunnen, die zahlreichen, wunderschön restaurierten Wohnhäuser, die wunderbare Konditorei mit ihren herrlichen Torten, die teuren Herrenausstatter, Schmuckgeschäfte und der strahlende Sonnenschein, der auf diesem Platz magisch wirkt, den muss man gesehen haben. Auch auf der anderen Seite der großen Einkaufsstrasse findet man kleine, ganz alte Gassen, was in Wien sowieso eine große Sehnwürdigkeit an sich ist. Man gelangt zum Ronacher, dem kleinen, aber feinen Theater , kann in Richtung Stadtpark gehen, zum Franziskanerplatz, mit der unendlich schön renovierten Kirche, taucht ein in die Atmosphäre der ältesten Geschäfte Wiens, und wenn es langsam dunkelt, dann kehrt man beim Stadtheurigen oder in eine der modernen Bars ein.

Am Ende thront die Wiener Staatsoper. Eine Führung unter tags lohnt sich wirklich, besonders, wenn die Oper leer und alles still ist und wenn man Glück hat, dann sieht man einer Probe zu, aber da muss man dann selbst ganz mucksmäuschenstill sein, denn man will ja die Orchesterprobe nicht stören. So tanzt man vorbei an der Putzkolonne, die gerade die roten Teppiche saugt, oder die vergoldeten Handläufe mit einem Lappen entlangfährt und geht in das Foyer zum Ticketschalter. Eine Vorstellung ist Pflicht als Opernfan oder darf es vielleicht ein Ballett sein? Dornrösschen oder Romeo und Julia? Wunderschöne Aufführungen mit historischen Kostümen. Die Opern dürfen schon etwas moderner sein. Ob Manon im Einkaufszentrum stirbt, oder in der amerikanischen Wüste ist ja in Wirklichkeit völlig egal, Hauptsache am Schluss gibt es Applaus und den oft nicht zu knapp. Die Wiener lieben ihre Oper und sind sehr heikel. Das eine oder andere BUH gibt zwar nicht Auftrieb, aber sorgt für Gesprächsstoff im Feuilleton am nächsten Morgen, aber es wird bei jungen Sängern schon Mal ein Auge zugedrückt, die Wiener haben ja ein goldenes Herz.
So fällt irgendwann auch jeder Vorhang und es wird langsam still in dem Haus am Ring. Der letzte, der Portier zieht nochmals seine Runde um das Haus, bevor er alle Lichter löscht.

Auf der Kärntnerstrasse ist es jetzt ruhig. Nur noch einige Nachtschwärmer verirren sich hier her. Der Straßenmusikant schließt seinen Geigenkoffer, die kleine japanische Studentin, mit dem Puppentrick, packt ihre Kleinode ein und die Tauben picken die Reste vom Boden vor dem Blumenkiosk weg. Die große Strasse ist schon lange nicht mehr nur für die Reichen und Schönen da, sondern für jeden, der sie genießen will. Für uns alle.

Chavali
06.08.2008, 20:34
Liebe cori,

du weißt, dass mir die Beschreibungen deiner Heimatstadt sehr gefallen.
Sie machen Lust auf einen Besuch.

Du wählst deine Worte mit Herz aus und doch kommen sie etwas lakonisch daher, was aber sehr gut zu deinem Stil passt.

Einzig diese Stelle Wenn es langsam Weihnachten wird, dann leuchten Sterne als Beleuchtung auf die Gesichter der Fußgänger herunter würde ich unbedingt das Wort langsam herausnehmen, das klingt wie:
jetzt wird es langsam Nacht oder so - es passt nicht herein.
Es ist fehl am Platze.

Ein wenig mehr Absätze, die das Lesen leichter machen und den Text
noch ein wenig mehr unterteilen, hätte ich mir gewünscht.

Aber auch so wie du es geschrieben hast, ist es ok und ich habe deinen Text sehr gern gelesen.


Lieben Gruß,
katzi

linespur
07.08.2008, 07:18
Hallo Cori,

auch ich kann herrlich warm werden mit diesem Text. Gestern Abend las ich ihn noch einem Freund vor, der zwar wenig mit Gedichten, dafür umso mehr mit guten Texten anfangen kann. Anders als ich kennt er Wien nicht und ich kann Dir dennoch versichern, dass er die Kulisse sehr plastisch vor Augen hatte. Du solltest einen Reiseführer der besonderen Art daraus drucken – aber wahrscheinlich werden die schönen Plätze dann noch mehr überlaufen, als es bereits der Fall ist…

Ein paar Anmerkungen habe ich:
die wunderbare Konditorei: Hier wäre der Name dieser Konditorei für mich wichtig – so klingt es herausgestellt und dennoch beliebig
Geschäfte Wiens und wenn: Hier gehört zumindest ein Komma her; ein Semikolon wäre mir allerdings fast noch lieber ;)
Eine Führung, unter tags: Kein Komma, oder?
und alles still ist und wenn man Glück hat: Hier besser wieder mit Komma trennen
So tanzt man vorbei an der Putzkolonne: Ich liebe solche Passagen, aber hier beisst es sich ein wenig mit dem vorhergehenden „mucksmäuschenstill“. Entweder entschärfst Du ersteres, oder Du schaffst mehr räumliche Trennung zwischen den beiden Orten des Geschehens. Allerdings, und darum liebe ich die Stelle eben, ist es genau das: Man bekommt selbst Lust zu tanzen, wenn man diesen Proben beiwohnt; zumindest geht es mir immer so und manches mal wünsche ich mir, ich hätte das Tanzen nie aufgegeben…
Ganz besonders gelungen finde ich überhaupt, wie Du im folgenden Lust auf eine Aufführung zu machen vermagst. Am liebsten würde ich Dich zum Kartenholen schicken und mich in den Zug werfen :) Aufgelacht hat der zuhörende Freund an der Stelle mit dem „Auge zudrücken“, und genau das ist es, was Deinen Text besonders macht. Er beschreibt sehr genau, verleitet aber ebenso mit manchen Stellen zur Heiterkeit, wie an anderen Stellen zur Melancholie und dann wiederum zum Spüren des Wandels.
Sehr schön finde ich auch, dass Du es gen Ende hin Nacht werden lässt. Allerdings passt es dann nicht, in die gerade geleerten Strasse und geschlossenen Geschäfte den Handschuhkauf incl. Glühweingenuss zu verpflanzen. Die Kärntnerstrasse zu Weihnachten, die solltest Du in einem anderen Abschnitt beschreiben. Weglassen bitte nicht; aber gönne dem Ende den Einzug der Nacht und der Ruhe, ganz wie Du es wohl beabsichtigt hattest. Mir scheint, dies Weihnachtsbild ist Dir eingefallen, als Du eigentlich schon zu Ende warst und da wolltest Du es, weil es so schön ist, gern noch unterbringen. Bitte anderswo? *zwinker*

Mir hast Du mit den Zeilen wieder eine große Freude gemacht und ich hoffe, es folgen weitere. Es ist selten, jemanden zu treffen, der seine (unterstrichen) Stadt so gut kennt, so liebevoll und dennoch ehrlich betrachtet und erst recht dürfte es rar werden, wenn es dann darum geht, jemanden solche Worte finden zu sehen. Ganz großes Kino, finde ich.

Herzlich
Nina

Mondscheinsonate
07.08.2008, 15:28
Liebes Katzi,

ich habe die Weihnachten - Passage gestrichen. Danke. Ich mag sie nicht.
Die Kärtnerstrasse ist zu Weihnachten hektisch und furchtbar.
Ich habe ein paar Absätze gemacht. Das war ja wirklich eine Wurscht.
Danke, Bussi cori

Liebe NIna,
die Konditorei ist die Oberlaa. Aber, ich mag nicht umbedingt Werbung machen. Ich finde, das gehört einfach nicht hin.
Ich denk doch, wenn ich bewusst eine Konditorei sage, dann ist das doch etwas besonders. Und! Ich lege sie Dir wärmstens ans Herz, die ist ein Wahnsinn! (wennst viel Geld eingesteckt hast!)
Die Kommata bessere ich aus.
Das mit der Putzkolonne... Du, ich hab auf den Wiener Opernball angespielt. Grins. Die Oper ist auch zum Tanzen da, was für ein wunderbarer Ball mit glitzernden Roben und Frack! Ein Traum!!! Hingehen!!!!
Hab die Weihnachtspassage schon gestrichen. Die gefiel, wie gesagt mir nicht mehr. Verzeih, ich weiß, Dir gefiel das. Aber, im Ernst, ich beschreibe ja Plätze, die ich sehr mag. Die Kärntnerstrasse zu Weihnachten, nein, die mag ich nicht.
Danke für Dein schönes Lob, das ist ja irre. Danke, Danke!
Bussis cori