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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Mensch an sich


Kerlchen37
03.06.2008, 19:13
Der Mensch an sich, mit seinen Taten,
mehr überzeugt von Golddukaten,
begann schon früh sich zu entstellen,
bedient sich eifrig voller Quellen.

Der Mensch an sich, nennt sich Erfinder,
er hat erschaffen, zeugt auch Kinder,
er baut und türmt auf große Wunder,
was will er mit dem ganzen Plunder.

Der Mensch an sich ist kein Gewinner,
ich zähl ihn eher wohl zum Spinner.
Er hat zu viel und merkt es nicht,
verloren ging ihm sein Gesicht.

Nicht vor sich selbst, vor dieser Erde,
auf der man lebt mit einer Herde.
Sie rafft und giert so lang es geht,
doch irgendwann ist es zu spät?

(ispiriert durch crux)

Sigmar Erics
03.06.2008, 20:53
Oh, bitte, bitte, Stefan,

darf ich Dein Lektor sein? :p


Der Mensch an sich, mit seinen Taten,
mehr überzeugt von Golddukaten,
(mehr als was? Dukaten sind auch nicht so richtig zeitgemäß, und eigentlich hatte ich Zeitgemäßheit als Deine wesentliche Stärke ausgemacht...naja, der Reim ist rein...)

begann schon früh sich zu entstellen,
bedient sich eifrig voller Quellen.
Der erste Vers ist gut, der zweite offenbar auf den Reim zugeschnitten. Welche Quellen meinst Du? Die Ressourcen der Natur? Mach das deutlicher, sog i.

Der Mensch an sich, nennt sich Erfinder,
er hat geschaffen, zeugt auch Kinder,
baut und türmt auf große Wunder,
was wollen wir mit all dem Plunder.

Vorschlag:
er baut und türmt auf große Wunder -
was wollen wir mit all dem Plunder?

'türmt auf' ist übrigens ein schöner Spondeus!

Der Mensch an sich, ist kein Gewinner,
ich zähl ihn eher wohl zum Spinner.
Er hat zu viel und merkt es nicht,
verloren ging ihm sein Gesicht.

In V.1 ist das Komma nach 'sich' zuviel.
V.2 ist sprachlich verunglückt, den man zählt jemanden zu einer Gruppe, aber nicht zu einer Rolle. Schreib doch einfach: "ich halt' ihn eher für 'nen Spinner". Das Umgangssprachliche dieser Wendung entspricht der Respektlosigkeit der Aussage.

Nicht vor sich, doch vor dieser Erde,
auf der man lebt mit einer Herde,
die rafft und giert so lang es geht,
doch wann ist alles wohl zu spät?

Die letzte Frage müßte anders abgesetzt werden, das Komma ist zu schwach. Nämest Du einen Gedankenstrich und befändest Du meinen obigen Vorschlag bei Wunder-Plunder für gut, hättest Du hier eine Entsprechung in der Interpunktion wie auch in der Syntax (je eine Frage an den Leser).

(ispiriert durch crux)

- so inspiriert, daß die Gedanken schneller fliegen als die Finger auf den Tasten...


Herzliche Grüße,
Sigmar

crux
03.06.2008, 20:58
Hallo, mein Expressle,

na, wenn das so ist, die letzte Zeile verrät es, dann muss ich doch gleich einmal nachschauen, was ich da angerichtet habe...*lol*

Du wirst es mir bestimmt nicht übel nehmen, wenn ich mal den dicken Rotstift ergreife und ein wenig in deinen Zeilen herumfuhrwerke, denn einiges erscheint mir dann doch verbesserungswürdig:

Der Mensch an sich, wie zu erwarten,
ist überzeugt, dass Golddukaten,
das Höchste sind und giert danach,
indes, der Geist, er liegt halt brach.

Der Mensch an sich ist ein Erfinder,
er schafft wie wild, zeugt manchmal Kinder,
baut Riesentürme auf, welch Plunder,
und nennt dieselben auch noch "Wunder".

Der Mensch an sich ist kein Gewinner,
im Gegenteil, er gilt als Spinner.
Zerstört die Welt, in der er lebt,
weil er nur nach Strukturen strebt.

Die Menschen, hier auf dieser Erde,
sie gleichen einer Hammelherde,
die blökend durch die Lande streift,
mir scheint, sie sind nicht ausgereift.
Das sind zwar recht harte Eingriffe in dein Original, aber
wie du siehst, keine so ganz schlechten.

Im Einzelnen möchte ich deine Reime jetzt nicht zerpflücken,
du siehst ja auch so, wo es (nach meiner Auffassung) noch hapert.

Liebe Grüße
crux

Strassenreimer
03.06.2008, 21:00
Hallo Poet mit Bauch!:D

Ein kleiner Vorschlag auch von mir in S2,Z2

er hat erschaffen, zeugt auch Kinder,

Jetzt kann ich das "Wie Recht du hast" getrost zurückgeben.

Gern gelesen

Strassenreimer

Edit: Crux überschnitt sich mit mir, somit hat sich mein Vorschlag erledigt.

Alive
03.06.2008, 21:31
Gut, treffend, sogar ergreifend.
(Mein ich ehrlich!)

Erinnert natürlich, sorry, an Eugen Roth.
Aber den hab ich genau so gern gelesen! :)

Grüße vom
Rheinfall!

Kerlchen37
03.06.2008, 22:01
Hi Sig,

darfst Du - aber viele Deiner Ansichten teile ich gar nicht!

Sag mal - wenn jemand "modern" ist ...warum darf es sich dann nicht auch mal einer anderen Wortwahl bedienen?

Golddukaten hatte durchaus seinen Sinn hier. Der Mensch war nämlich auch damals nicht besser!

Sag mal braucht Du eine Bratpfanne, die Dir einhämmert was man meinen könnte? Das verstehe ich nun gar nicht. Lyrik ist nicht dazu dazu da eine Erörterung zu schreiben. Bin verwundert. grins

Vorschlag gern angenommen was das türmen usw. betrifft! :)

Komma nach sich wird getilgt - dem Rest kann ich nicht folgen!

Auch in der letzten Strophe werde ich was ändern. Okay! Gewonnen Herr Lehrer!

crux,

Du weißt, ich lobe Dich gern in den Himmel....aber nicht dann wenn Du andere Texte in Deinem Sinne umdichtest...das mag und mochte ich nie...da lese ich lieber crux ODER Kerlchen. Daher werde ich lieber Sigs kleine Vorschläge einpflanzen. Please don't be angry! ;)

Reimer,

nun - Du hast ja nicht so viel zu nörgel... ich sehe mir das nochmal an und Danke artig!

Alive,

Du schlägst nun völlig aus der Reihe. Natürlich freut das - aber es wundert auch, wenn die anderen so viel auszusetzen haben. Grübel -fass mich ans Hirn!

Gruß Kerlchen34

PS: Übereifer schadet auch Kerlchen :-)

röslein
04.06.2008, 00:30
Hallo kerlchen34,

eigentlich bin ich total müde, weil ich so lange in der Arbeit war, aber nun habe ich dein Gedicht entdeckt und möchte gerne etwas dazu sagen. Das Thema spricht mir sehr an, da mich dieses Konsum- und Prestigedenken vieler Zeitgenossen oft richtig sauer macht. Vom Inhalt her gefällt es mir sehr gut. "Mehr überzeugt von Golddukaten" verstehe ich so, dass sie von Geld und Besitz mehr überzeugt sind als von anderen, wichtigeren Werten. Aber die zählen ja nicht, es muß immer mehr Geld und Wohlstand sein. "Golddukaten", warum nicht?! Es gab zu allen Zeiten solche Menschen und heute noch mehr denn je.
"Bedient sich eifrig voller Quellen", dabei dachte ich an die Menschen, die überall da sind, wo es was zu holen gibt. Die keine Gelegenheit auslassen, um sich zu bereichern, und sei es auf Kosten anderer. Was ja auch oft oft so ist. Der Mensch als Erfinder, der "erschaffen" hat..., ja, manchmal könnte man schon meinen, das der Mensch sich für das Non plus Ultra hält (schreibt man das groß?). Bei manchen Leuten gewinnt man den Eindruck, als hielten sie sich für eine Art Gottheit. Als käme alles nur durch Menschenhand und Menschenverstand. Sie halten sich für die größten, sie glauben sie hätten alles im Griff und meinen sie könnten sogar die Natur bezwingen, Menschen kreieren usw.
V3 in S2 ist mir nicht ganz klar. Meinst du, dass er Wunder über Wunder türmt? Was für mich nun ganz unverständlich wäre. Oder meinst du, dass er auf die Wunder etwas auftürmt? Das ginge schon eher. Jedoch weiß ich nun auch nicht wirklich, von welchen Wundern du sprichst.
"Ich halt ihn eher für nen Spinner" fände ich jetzt auch passender. Aber okay, du zählst ihn eher zum großen Kreis der Spinner. Was du meinst ist mir schon klar.
Wo ich nun ins Stocken kam und überlegen mußte, was da gemeint ist, war der Übergang von der dritten zur vierten Strophe. "Verloren ging ihm sein Gesicht", Punkt. Dann der letzte Absatz. Da fange ich zu lesen an und denke, es hat mit etwas Neuem zu tun. Aber halt, der erste Vers hier bezieht sich ja noch auf die vorherige Strophe. "Nicht vor SICH" verlor er sein Gesicht. Ich fragte mich zuerst, vor wem verlor er nicht sein Gesicht. Weil die Betonug dabei auf dem "vor" lag. (Ich hoffe, dass ich mich einigermaßen verständlich ausdrücke). Schon klar, vor sich selbst verliert er natürlich nicht sein Gesicht. Für ihn ist er ja perfekt, so wie er ist. Er macht ja nichts Unrechtes. Ist doch alles gut so. Ja, und er läuft mit mit dieser Herde Spinner, mit dieser Kreatur Mensch. Der Mensch, ein Herdentier.... Immer mit der Masse laufen.

Ja, also das sind so meine Gedanken zu deinem Gedicht.
Wie gesagt, das Thema finde ich klasse, deine Zeilen gefallen mir. Halt, hätte fast noch vergessen zu erwähnen, in S4V1 "doch vor dieser Erde" holperte ich ein wenig. Ich lese es für mich ohne "doch".

So, aber nun verziehe ich mich mal in meine wohligen Federn.

Schöne Grüße von röslein

Dana
04.06.2008, 17:58
Liebes kerlchen,
ein herrlicher Peitschenhieb an alle Raffkes und Neureichs:D
Vielleicht muss man Dukaten horten, Luxus anschaffen, wenn es in einem selbst zu hohl ist.:o
Ich las mich "eigentlich":p recht flüssig durch bis auf s. u.
Liebe Grüße
Dana



Der Mensch an sich, mit seinen Taten,
mehr überzeugt von Golddukaten,
begann schon früh sich zu entstellen,
bedient sich eifrig voller Quellen.

Der Mensch an sich, nennt sich Erfinder,
er hat erschaffen, zeugt auch Kinder,
er baut und türmt auf große Wunder,
was will er mit dem ganzen Plunder.

Der Mensch an sich ist kein Gewinner,
ich zähl ihn eher wohl zum Spinner.
Er hat zu viel und merkt es nicht,
verloren ging ihm sein Gesicht.

Nicht vor sich selbst, vor dieser Erde,
auf der man lebt mit einer Herde.
Sie rafft und giert so lang es geht,
doch irgendwann ist es zu spät?

(ispiriert durch crux)

Behutsalem
24.06.2008, 20:17
Hallo Kerlchen35;

Es wurde schon sooooo viel lobenswertes über deine Zeilen gesagt, dass ich im eigentlichen still schweigend wieder von Dannen ziehen könnte.

Will ich aber nicht:) bevor ich dir sage dass auch mir dieses Werk von dir sehr gut gefällt. Ich kann keine Strophe hervorheben, weil eine jede für sich spricht und das ganze rundum rund macht.

Lass ganz viel LOB hier,
liebe Grüße
Line

badico
24.06.2008, 20:30
Lieber Stefan,
die Kritik, die ich hier anbringe ist rein persönlicher Natur und hat überhaupt nichts mit der technischen Ausstaltung deines Textes zu tun.
Mir gefällt ausnahmsweise ein Text von dir kaum.
Sicher... er enthält ein großes Stück Gesellschaftskritik...aber sorry... das habe ich woanders schon besser ausgearbeitet gesehen.
Du hast hier meiner Meinung nach ziemlich dein so wunderbares Bauchgefühl zu Gunsten des Reimes, aus dem Spiel gelassen. Dadurch verliert der Text in meinen Augen sehr von deinem ureigenen persönlichen Stil...Klar kann man sich verändern und was anderes ausprobieren...das ist sogar richtig und wichtig...aber gerade hier hätte, meiner Meinung nach, einer deiner intuitiven freien Gedichte eine viel bessere Geschichte erzählt.
Sorry Stefan nicht böse sein...ist nur meine Meinung zu deinem Werk und da ich keine Fachfrau bin muss sie nicht viel zu heißen haben.

Liebe Grüße

Babsi

Kerlchen37
25.06.2008, 12:50
Hallo Ihr 4

ich mache es mal ausnahmsweise in einem Rutsch. Das Gedicht wird nun sehr unterschiedlich gesehen. Babsi hat aber Recht, dass es sich von Stefans Handschrift doch entfernt. Ich merke mit ABSTAND selber, dass es nicht aus mir spricht wie sonst.
Ich finde grundsätzlich die Grundaussage schön - mir war sie wichtig. Aber ich glaube nun auch, dass es anders besser gelungen wäre. Allerdings nicht grundsätzlich in Vers libre. es gibt durchaus 10% reimgedichte von Kerlchen, die mit Begeiterung aufgenommen wurden. Aber die waren inniger verdichtet.

So komme ich zu dem Schluss, dass es einfach ein Handwerksgedicht ist! Aber kein Markenkerlchen.

Es grüßt Stefan