Novesia
14.08.2008, 17:54
Pfeffer und Salz
Als Haarfarbe, wohlgemerkt. Nicht nur an den Schläfen.
„Was halten Sie von einer Tönung, Herr Förster?“ Ich springe meinem Frisör beinahe an die Gurgel. Ich laufe doch nicht als Rabe durch die Stadt, da bleibe ich lieber Graureiher.
Jetzt, da die dunklen Haare sich verdünnisiert haben, ist zu befürchten, dass die grauen noch vor den weißen ihren Dienst quittieren. Normal bei Alten. Alles geht flöten: Zähne, Haare, Gedächtnis, Illusionen.
Der Frisör meines Misstrauens schlug mir einen modernen Kurzhaarschnitt vor. Ich akzeptierte leicht besorgt. Werden meine Haare noch Zeit haben, nach zuwachsen?
Mein Urgroßvater ist schon ein alter Hase im Jenseits, mein Großvater weilt nicht mehr unter den Lebenden, mein Vater ist mausetot. Ich fürchte, dass das erblich ist. Ich habe die Grenze zum Alter überschritten und wahrscheinlich meine eigenen Grenzen gleich mit.
Frank Förster hätte gerne noch so vieles gemacht, was er nicht mehr schaffen wird.
Er wird niemals ein Philharmonie Orchester dirigieren.
Er wird niemals König von England.
Er wird niemals Löwenbändiger.
Er wird niemals an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen.
Oder bei den Olympischen Spielen.
Oder zum Präsidenten der USA gewählt.
Oder zum Papst.
Oder auf den Mond fliegen.
Ich werde aus Rita niemals eine Julia Roberts machen.
Oder eine Mona Lisa.
Aber ehrlich, eigentlich ist mir das wurscht.
Vor fünfzig Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei siebzig Jahren.
Ein Film dauerte neunzig Minuten.
Heute sind Neunzigjährige keine Seltenheit. Und Filme dauern 120 Minuten.
Besser?
Das hängt vom Film ab.
Warum fragt mich niemand mehr nach meinem Lebenslauf? Zu viele Einträge vom gleichen Autor? Der Lebenslauf der Alten wurde umbenannt in „Archiv“. Und wisst ihr, woran man merkt, dass man altert? Mit der Feststellung: „Ich habe mich noch nie so jung gefühlt.“ Also Finger weg, wenn Unbekannte dir ein Bonbon anbieten! Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Auch meine Schuhe ermüden wie ich. Ich werde neue brauchen. Der Schuhverkäufer empfahl mir ein Paar aus Kalbsleder. „Die halten hundert Jahre.“ „Ich nicht.“
Ich habe keine Lust, dass meine Schuhe mich überleben. Außerdem brauche ich kein ganzes Paar. Immerhin stehe ich nach Aussage meines Hausarztes bereits mit einem Fuß im Grab. Fritten und Frikadellen, Butter, Wein, Kaffee, alles verboten. Keine gezuckerten Früchte! „Am Abend nur etwas Leichtes.“ Damit meint er wohl: „Ein Süppchen und ab ins Bett.“ Rauchverbot sowieso. „Lebe ich damit länger?“ „Nicht unbedingt, aber es kommt Ihnen länger vor.“
Wie, Frank Förster und Parkinson? In der Disko nennt man das Hip-Hop. Ich lasse mich gegen den Tod impfen. Mein Internist lauscht überrascht meinen Herztönen. Vielleicht hört er nichts? Der Motor hat nach über sechzig Jahren und knapp zwei Milliarden Schlägen vielleicht keinen Bock mehr. „Nichts Besonderes. Alles verlaufsgemäß. Zwanzig Jahre haben Sie aber nicht mehr.“ Vielen Dank für die Auskunft. In meinem Alter ist Höflichkeit gegenüber Heilberufen angebracht. So wie zu Automechanikern bei der Untersuchung des altersschwachen Vehikels.
Je mehr Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen, umso weniger Puste zum löschen. Eine Frechheit! Ich weiß, dass ich altere. Es ist also nicht nötig, mich jedes Jahr daran zu erinnern. In meinem Alter muss ich nicht mehr freundlich sein. Vorbei die Zeit, da Frank Förster aus dem Effeff zustimmende Lachfältchen für einen Arbeitsplatz oder einen Vertrag aktivierte. Ich kann es mir leisten zu sagen: „Deine Nase passt mir nicht.“ Ich darf mich sogar ungestraft auf Kommando taub stellen.
Seit ich eine neue Hüfte habe, laufe ich wie ein Hase. Manchmal nehme ich sogar zwei Stufen gleichzeitig auf der steilen Treppe. Was wird man mir als nächstes ersetzen? Wenn ich die Wahl hätte, den Kopf. Nur das Innere, um mich auf andere Gedanken zu bringen. An meinem Äußeren hänge ich. Außerdem soll mich meine Umgebung wieder erkennen. Wie ein historisches Gebäude, hinter dessen alter Fassade alles neu, modern und funktional ist. Ich würde alles weiß streichen, keine Bilder an den Wänden, nur spärliches Mobiliar in Räumen in denen ich mich endlich wieder finde. Vom alten Gehirn behielte ich nur das unbedingt Nötigste. Weg mit schlechten Erinnerungen, falschen Freunden, bösen Omen und griechischen Tragödien. Statt dessen Geduld, Ruhe, gregorianische Gesänge, Songs von George Michel und ein Rotkehlchen.
Jeden Abend bewundere ich sie. Sie ist so schön, dass ich vor ihr niederknien könnte. Manchmal sitzt eine Taube auf ihrem Kopf. Sie ist sich ihrer Schönheit in ihrer Schlichtheit nicht bewusst. Die romanische Kapelle auf dem Hügel. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Ich aus dem zwanzigsten. Der Altersunterschied ändert nichts an den Gefühlen. Die Gefühle für meinen Gemüsehändler sind dagegen von Groll bestimmt. Er nennt mich immer „junger Mann“. Ein Affront! Ich befinde mich doch nicht in einem regressiven Stadium.
Wenn ich nachts ein frisiertes Moped voll Speed den Lessingplatz umrunden höre, hoffe ich insgeheim auf ein „Krachbumm“. Und dann nichts.
Stille.
Das sage ich aber keinem. Es ist ja nicht so, dass ich die Jugend nicht leiden kann.
In meine alten Adressbücher trug ich die Namen von Freunden und Bekannten mit Tinte ein. Später mit Bleistift und Radiergummi. Heute lösche ich sie in Outlook. Auch eine eiserne Gesundheit schützt eben nicht vor dem Rosten.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Halt die Klappe! , antwortet die Königin.
Die Königin ist sauer auf ihren Spiegel. Seit Jahren wiederholt er die alte Leier. Sie weiß, dass er Unrecht hat. Er hat ihr beim Altern zugesehen.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Die Königin schmettert einen Kerzenleuchter Richtung Spiegel.
Halt die Klappe! Oder es passiert ein Unglück!
Sieben Jahre Unglück, Majestät.
Die Königin altert. Es ist umso schwerer für sie, weil sie früher schön war.
Wenn Hässliche altern, ist das nicht so schwer. Man hat sich daran gewöhnt. Und im Alter wird es besser.
Ihr, Frau Königin, wart die Schönste hier …
Beuge dich nicht zu tief über deine Vergangenheit. Es könnte sein, dass du nicht wieder hoch kommst.
Während einer Signierstunde im Sternverlag umrundet eine grauhaarige Frau ohne Alter meine Bücher. Ich tue so, als hätte ich sie nicht gesehen. Wenn ein Fisch um den Köder kreist, darf man sich nicht bewegen. Sonst erschreckt er sich und taucht ab. Diesmal ist der Fisch nicht verschwunden. Er spricht mich sogar mit zuckersüßer Stimme an: „Hallo Frank, erinnerst du dich an mich?“ In meinem Kopf ein schwarzes Loch. Nichts. Keine Ahnung. „Leider nein.“ Sie nennt Jugendfreunde, kleine Begebenheiten. Dann: „Angelina.“
Sie sieht nicht aus wie Angelina. Rita, Marlene, Doris oder Gabi hätte ich geglaubt, aber nicht Angelina, auf keinen Fall Angelina.
Angelina war der Name eines atemberaubenden Wesens vor 45 Jahren. Angelina war blond und strahlte wie ein Engel. Sie gehört zu meiner Tanzstunde, meinem ersten Anzug, meinem ersten Auto. Finger weg von Angelina! Sie hat kein Recht, Angelina zu erwähnen. Sie lügt! Wenn diese mausgraue Gestalt wirklich Angelina ist, umso schlimmer! Ich signiere ihr Buch mit einer Widmung an Frau Wagner. Ich konnte es einfach nicht Angelina widmen. Um mir die Beine zu vertreten, drehe ich eine kleine Runde durch die Buchhandlung. Als ich zurückkomme, fällt mein Blick auf das Effeff Plakat mit einem Foto. Ein grauer, missmutiger Autor in den Sechzigern. Wahrlich kein Beau. Unter dem Bild der Name.
Frank Förster.
Mein Kater ist grau wie ich.
Mein Kater hat Rheuma wie ich.
Mein Kater ist alt wie ich.
Wenn ich die Katzenjahre in Menschjahre umrechne, sind wir beide alt.
Wer von uns beiden zuerst stirbt? Überraschung!
Am besten ich. Aber was würde er ohne mich anfangen? Es gäbe zwar immer jemand, der ihn füttert. Doch wer würde ihn am Hals kraulen, genau an der richtigen Stelle, die nur ich kenne? Wir könnten auch zusammen sterben. Aber das würde Rita nicht überleben.
Bücher und Zeitungen werden auch immer kleiner gedruckt.
Meine erste Brille war eine Lesebrille. Meine zweite Brille bekam ich zum Autofahren. Mit zwei Brillen ist die Chance, sie zu verlieren, doppelt so groß. Darüber hinaus ist es ohne Brille schwierig nach Brillen zu suchen. Da muss eine dritte Brille her. Seit ich meine neuen Gleitsichtgläser auf der Nase trage, habe ich den vollständigen Durchblick. Ich entdeckte vom Garten aus auf dem Hausdach zerbrochene Schindeln. Ich konnte dem klitzekleinsten Kleingedruckten meines Versicherungsvertrages entnehmen, dass dieser Schaden von der Garantie ausgeschlossen ist. Ich sah winzige Rostpünktchen im Lack meines Autos. Und weiße Barthaare bei meinem Kater. Ich entdeckte einen Riss in der Badezimmerwand und eine neue Falte auf der Stirn meiner Frau.
Ich sah mich klar und deutlich im Spiegel. Ohne Brille gefalle ich mir besser.
Ich lebe im Abendrot des Alters. Bald wird Nacht. Wie schön! Ein klarer Sternenhimmel. Ist unter ihnen vielleicht ein toter Stern? Wie soll ich das erkennen? Auch tote Sterne folgen hell strahlend ihrem Lauf als sei nichts passiert. Tote Menschen reisen mit erloschenen Lichtern. Sie erhellen keine Nacht. Außer Mozart. Der strahlt weiter mit seiner kleinen Nachtmusik.
Als Haarfarbe, wohlgemerkt. Nicht nur an den Schläfen.
„Was halten Sie von einer Tönung, Herr Förster?“ Ich springe meinem Frisör beinahe an die Gurgel. Ich laufe doch nicht als Rabe durch die Stadt, da bleibe ich lieber Graureiher.
Jetzt, da die dunklen Haare sich verdünnisiert haben, ist zu befürchten, dass die grauen noch vor den weißen ihren Dienst quittieren. Normal bei Alten. Alles geht flöten: Zähne, Haare, Gedächtnis, Illusionen.
Der Frisör meines Misstrauens schlug mir einen modernen Kurzhaarschnitt vor. Ich akzeptierte leicht besorgt. Werden meine Haare noch Zeit haben, nach zuwachsen?
Mein Urgroßvater ist schon ein alter Hase im Jenseits, mein Großvater weilt nicht mehr unter den Lebenden, mein Vater ist mausetot. Ich fürchte, dass das erblich ist. Ich habe die Grenze zum Alter überschritten und wahrscheinlich meine eigenen Grenzen gleich mit.
Frank Förster hätte gerne noch so vieles gemacht, was er nicht mehr schaffen wird.
Er wird niemals ein Philharmonie Orchester dirigieren.
Er wird niemals König von England.
Er wird niemals Löwenbändiger.
Er wird niemals an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen.
Oder bei den Olympischen Spielen.
Oder zum Präsidenten der USA gewählt.
Oder zum Papst.
Oder auf den Mond fliegen.
Ich werde aus Rita niemals eine Julia Roberts machen.
Oder eine Mona Lisa.
Aber ehrlich, eigentlich ist mir das wurscht.
Vor fünfzig Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei siebzig Jahren.
Ein Film dauerte neunzig Minuten.
Heute sind Neunzigjährige keine Seltenheit. Und Filme dauern 120 Minuten.
Besser?
Das hängt vom Film ab.
Warum fragt mich niemand mehr nach meinem Lebenslauf? Zu viele Einträge vom gleichen Autor? Der Lebenslauf der Alten wurde umbenannt in „Archiv“. Und wisst ihr, woran man merkt, dass man altert? Mit der Feststellung: „Ich habe mich noch nie so jung gefühlt.“ Also Finger weg, wenn Unbekannte dir ein Bonbon anbieten! Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Auch meine Schuhe ermüden wie ich. Ich werde neue brauchen. Der Schuhverkäufer empfahl mir ein Paar aus Kalbsleder. „Die halten hundert Jahre.“ „Ich nicht.“
Ich habe keine Lust, dass meine Schuhe mich überleben. Außerdem brauche ich kein ganzes Paar. Immerhin stehe ich nach Aussage meines Hausarztes bereits mit einem Fuß im Grab. Fritten und Frikadellen, Butter, Wein, Kaffee, alles verboten. Keine gezuckerten Früchte! „Am Abend nur etwas Leichtes.“ Damit meint er wohl: „Ein Süppchen und ab ins Bett.“ Rauchverbot sowieso. „Lebe ich damit länger?“ „Nicht unbedingt, aber es kommt Ihnen länger vor.“
Wie, Frank Förster und Parkinson? In der Disko nennt man das Hip-Hop. Ich lasse mich gegen den Tod impfen. Mein Internist lauscht überrascht meinen Herztönen. Vielleicht hört er nichts? Der Motor hat nach über sechzig Jahren und knapp zwei Milliarden Schlägen vielleicht keinen Bock mehr. „Nichts Besonderes. Alles verlaufsgemäß. Zwanzig Jahre haben Sie aber nicht mehr.“ Vielen Dank für die Auskunft. In meinem Alter ist Höflichkeit gegenüber Heilberufen angebracht. So wie zu Automechanikern bei der Untersuchung des altersschwachen Vehikels.
Je mehr Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen, umso weniger Puste zum löschen. Eine Frechheit! Ich weiß, dass ich altere. Es ist also nicht nötig, mich jedes Jahr daran zu erinnern. In meinem Alter muss ich nicht mehr freundlich sein. Vorbei die Zeit, da Frank Förster aus dem Effeff zustimmende Lachfältchen für einen Arbeitsplatz oder einen Vertrag aktivierte. Ich kann es mir leisten zu sagen: „Deine Nase passt mir nicht.“ Ich darf mich sogar ungestraft auf Kommando taub stellen.
Seit ich eine neue Hüfte habe, laufe ich wie ein Hase. Manchmal nehme ich sogar zwei Stufen gleichzeitig auf der steilen Treppe. Was wird man mir als nächstes ersetzen? Wenn ich die Wahl hätte, den Kopf. Nur das Innere, um mich auf andere Gedanken zu bringen. An meinem Äußeren hänge ich. Außerdem soll mich meine Umgebung wieder erkennen. Wie ein historisches Gebäude, hinter dessen alter Fassade alles neu, modern und funktional ist. Ich würde alles weiß streichen, keine Bilder an den Wänden, nur spärliches Mobiliar in Räumen in denen ich mich endlich wieder finde. Vom alten Gehirn behielte ich nur das unbedingt Nötigste. Weg mit schlechten Erinnerungen, falschen Freunden, bösen Omen und griechischen Tragödien. Statt dessen Geduld, Ruhe, gregorianische Gesänge, Songs von George Michel und ein Rotkehlchen.
Jeden Abend bewundere ich sie. Sie ist so schön, dass ich vor ihr niederknien könnte. Manchmal sitzt eine Taube auf ihrem Kopf. Sie ist sich ihrer Schönheit in ihrer Schlichtheit nicht bewusst. Die romanische Kapelle auf dem Hügel. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Ich aus dem zwanzigsten. Der Altersunterschied ändert nichts an den Gefühlen. Die Gefühle für meinen Gemüsehändler sind dagegen von Groll bestimmt. Er nennt mich immer „junger Mann“. Ein Affront! Ich befinde mich doch nicht in einem regressiven Stadium.
Wenn ich nachts ein frisiertes Moped voll Speed den Lessingplatz umrunden höre, hoffe ich insgeheim auf ein „Krachbumm“. Und dann nichts.
Stille.
Das sage ich aber keinem. Es ist ja nicht so, dass ich die Jugend nicht leiden kann.
In meine alten Adressbücher trug ich die Namen von Freunden und Bekannten mit Tinte ein. Später mit Bleistift und Radiergummi. Heute lösche ich sie in Outlook. Auch eine eiserne Gesundheit schützt eben nicht vor dem Rosten.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Halt die Klappe! , antwortet die Königin.
Die Königin ist sauer auf ihren Spiegel. Seit Jahren wiederholt er die alte Leier. Sie weiß, dass er Unrecht hat. Er hat ihr beim Altern zugesehen.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Die Königin schmettert einen Kerzenleuchter Richtung Spiegel.
Halt die Klappe! Oder es passiert ein Unglück!
Sieben Jahre Unglück, Majestät.
Die Königin altert. Es ist umso schwerer für sie, weil sie früher schön war.
Wenn Hässliche altern, ist das nicht so schwer. Man hat sich daran gewöhnt. Und im Alter wird es besser.
Ihr, Frau Königin, wart die Schönste hier …
Beuge dich nicht zu tief über deine Vergangenheit. Es könnte sein, dass du nicht wieder hoch kommst.
Während einer Signierstunde im Sternverlag umrundet eine grauhaarige Frau ohne Alter meine Bücher. Ich tue so, als hätte ich sie nicht gesehen. Wenn ein Fisch um den Köder kreist, darf man sich nicht bewegen. Sonst erschreckt er sich und taucht ab. Diesmal ist der Fisch nicht verschwunden. Er spricht mich sogar mit zuckersüßer Stimme an: „Hallo Frank, erinnerst du dich an mich?“ In meinem Kopf ein schwarzes Loch. Nichts. Keine Ahnung. „Leider nein.“ Sie nennt Jugendfreunde, kleine Begebenheiten. Dann: „Angelina.“
Sie sieht nicht aus wie Angelina. Rita, Marlene, Doris oder Gabi hätte ich geglaubt, aber nicht Angelina, auf keinen Fall Angelina.
Angelina war der Name eines atemberaubenden Wesens vor 45 Jahren. Angelina war blond und strahlte wie ein Engel. Sie gehört zu meiner Tanzstunde, meinem ersten Anzug, meinem ersten Auto. Finger weg von Angelina! Sie hat kein Recht, Angelina zu erwähnen. Sie lügt! Wenn diese mausgraue Gestalt wirklich Angelina ist, umso schlimmer! Ich signiere ihr Buch mit einer Widmung an Frau Wagner. Ich konnte es einfach nicht Angelina widmen. Um mir die Beine zu vertreten, drehe ich eine kleine Runde durch die Buchhandlung. Als ich zurückkomme, fällt mein Blick auf das Effeff Plakat mit einem Foto. Ein grauer, missmutiger Autor in den Sechzigern. Wahrlich kein Beau. Unter dem Bild der Name.
Frank Förster.
Mein Kater ist grau wie ich.
Mein Kater hat Rheuma wie ich.
Mein Kater ist alt wie ich.
Wenn ich die Katzenjahre in Menschjahre umrechne, sind wir beide alt.
Wer von uns beiden zuerst stirbt? Überraschung!
Am besten ich. Aber was würde er ohne mich anfangen? Es gäbe zwar immer jemand, der ihn füttert. Doch wer würde ihn am Hals kraulen, genau an der richtigen Stelle, die nur ich kenne? Wir könnten auch zusammen sterben. Aber das würde Rita nicht überleben.
Bücher und Zeitungen werden auch immer kleiner gedruckt.
Meine erste Brille war eine Lesebrille. Meine zweite Brille bekam ich zum Autofahren. Mit zwei Brillen ist die Chance, sie zu verlieren, doppelt so groß. Darüber hinaus ist es ohne Brille schwierig nach Brillen zu suchen. Da muss eine dritte Brille her. Seit ich meine neuen Gleitsichtgläser auf der Nase trage, habe ich den vollständigen Durchblick. Ich entdeckte vom Garten aus auf dem Hausdach zerbrochene Schindeln. Ich konnte dem klitzekleinsten Kleingedruckten meines Versicherungsvertrages entnehmen, dass dieser Schaden von der Garantie ausgeschlossen ist. Ich sah winzige Rostpünktchen im Lack meines Autos. Und weiße Barthaare bei meinem Kater. Ich entdeckte einen Riss in der Badezimmerwand und eine neue Falte auf der Stirn meiner Frau.
Ich sah mich klar und deutlich im Spiegel. Ohne Brille gefalle ich mir besser.
Ich lebe im Abendrot des Alters. Bald wird Nacht. Wie schön! Ein klarer Sternenhimmel. Ist unter ihnen vielleicht ein toter Stern? Wie soll ich das erkennen? Auch tote Sterne folgen hell strahlend ihrem Lauf als sei nichts passiert. Tote Menschen reisen mit erloschenen Lichtern. Sie erhellen keine Nacht. Außer Mozart. Der strahlt weiter mit seiner kleinen Nachtmusik.