Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Bertrand
Klatschmohn
31.08.2008, 18:39
Vielleicht hatte ich am Abend ein bisschen schwer gegessen, vielleicht war es einfach zu spät geworden, gestern Abend. Vielleicht aber, sind alle Dinge auch wirklich geschehen.
Jedenfalls werde ich diese Nacht nicht vergessen und als ich am anderen Morgen aufstand war ich ein anderer Mensch.
Wir verbrachten doch mit Helene und Karl einen schönen Abend, unterhielten uns angeregt, verspeisten mein gut gelungenes Abendessen, tranken einen hervorragenden Ahrtwein und redeten über frühere Zeiten. Früher Zeiten!
Sprachen wir auch über Bertrand? Normalerweise reden wir nicht darüber, was damals geschehen ist. Ich weiß es nicht mehr. Wieso habe ich dann von ihm geträumt?
Ich muss mich jetzt hinsetzten, meine Knie fangen an zu zittern und mein Herz schlägt einfach zu schnell. Ich sollte ein paar Beruhigungstropfen nehmen.
Bertrand, blond, schüchtern, hatte immer sehr merkwürdige Ansichten für unseren Geschmack, aber die Lehrer fanden gut was er sagte. Seine Augen: in ihnen spiegelte sich seine ganze Unsicherheit, er schaute uns nie direkt an, verhaspelte sich oft wenn er sprach - wenn er sprach. Irgendwann hatte er es wohl aufgegeben mit uns mitzuhalten, wenn es nicht unbedingt sein musste. Von uns sah auch selten irgend jemand die Notwendigkeit, mit ihm zu reden.
Wären wir nur dabei geblieben. Wäre ich nur dabei geblieben.
Ich sehe meinen Heimatort noch vor mir, den Weg auf dem ich jeden Morgen zur Schule gegangen war, gemeinsam mit den anderen Kindern. Ein dichter Pulk, die braunen Lederranzen auf dem Rücken, stapfte der Schule zu. Die Gruppe vergrößerte sich immer mehr, je näher wir dem weißen Gebäude kamen, das etwas außerhalb auf einem Hügel lag. Es herrschte ein wildes Gerenne, Geschubse und Gejohle.
Wir Mädchen in unseren Röcken, in der kalten Jahreszeit mit den kratzigen Wollstrümpfen, die mit Strumpfbändern am Leibchen fest saßen. Später im Jahr mit Kniestrümpfen, im Sommer mit Söckchen und Sandalen. Die Jungen in ihren kurzen schwarzen Hosen und den genagelten Schuhen.
Bertrand hielt immer einigen Abstand, er schien ständig über etwas nachzudenken und manche behaupteten, dass er Selbstgespräche führe.
Ein paar Male wurde er verprügelt, gewehrt hat er sich nicht.
Als er in die Schule kam, daran erinnere ich mich genau, konnte er schon lesen und schreiben. Während wir uns alle mühten die Buchstaben zu erlernen, las er schon Geschichten.
Besonders beliebt hat ihn dies auch nicht gemacht.
Eines Tages war er weg und wir nahmen es kaum zu Kenntnis.
Seit heute Nacht muss ich immer an ihn denken, denn heute Nacht habe ich von ihm geträumt. Die alten Bilder sind wiedergekommen.
Vielleicht tat er mir damals leid, oder ich war neugierig, ich weiß es nicht mehr.
Eines Tages mußte er sich auf dem Pausenhof übergeben und er sollte nachhause gehen. Ich habe mich gemeldet um ihn zu begleiten, da ihm nun auch schwindelig war.
Ich fand es ziemlich eklig, dass er sich übergeben hatte. Der Hausmeister kippte nachher einen Eimer Wasser darüber. Die Brühe hatte dann einen deutlichen Fleck auf dem Schulhof hinterlassen, den man noch tagelang sehen konnte.
So gingen wir zusammen zu seiner Wohnung, schweigend in einigem Abstand. Ich, mit meinem bunten neuen Rock und Bertrand in seinen kurzen schwarzen Hosen, die ihm zu groß schienen.
Ich wusste, dass er mit seiner Mutter und seiner Oma zusammenwohnte. Das war damals gar nicht so selten, weil so viele Väter im Krieg geblieben waren.
Angeblich sollte auch noch jemand da wohnen, den man aber noch nie gesehen hatte.
Wir kamen zu dem Haus in dem sie zur Miete wohnten. Ein grauer Sandsteinbau mit Stuckresten, und Verzierungen in meiner Augenhöhe, die mich an einen Streuselkuchen erinnerte und animierte, daran herumzupiddeln.
Er klingelte.
Eine ältere Dame machte auf. Sie sah gar nicht so aus wie eine Oma. Sie hatte ihr blondes Haar in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden.
Sie trug einen grauen Faltenrock und eine weiße Bluse. Ich fand, sie sah ein wenig traurig aus.
Die Dame hob erstaunt die Augenbrauen, als sie uns vor der Türe sah und Bertrand erklärte ihr, dass ihm schlecht gewesen sei und ich ihn nach Hause bringen sollte. Die Dame bedankte sich bei mir und, gerade als ich mich umdrehen und wieder gehen wollte, hörte ich von drinnen etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein schrecklicher Schrei, dann ein Wimmern: "Sie kommen, sie kommen, Mutter, sie kommen und holen mich! "
Ich starrte die Dame entsetzt an. Sie wandte sich um und rief " Erika, schau bitte nach Dieter".
Die Dame blickte eine Weile auf mich herunter. Sie schien zu überlegen, ob sie mir eine Erklärung geben solle.
"Was war das"? fragte ich, immer noch erschrocken, aber mittlerweile mehr und mehr neugierig. Sie räusperte sich. Offenbar hatte sie sich entschlossen mir eine Erklärung für den Schrei zu geben: "Das war mein Sohn, er ist sehr krank und hat Schreckliches erlebt". "Was denn"? fragte ich einigermaßen erstaunt, denn ich war auch schon krank gewesen, meine Eltern auch und ebenso die Großeltern. Da hatte keiner so geschrienen.
"Er hat eine Krankheit in seinem Kopf und er sieht manche Sachen, die wir nicht sehen und deshalb hat er manchmal große Angst."
"Ach so", sagte ich, "Ja, ich geh dann mal besser, auf Wiedersehen".
Ich drehte mich um und hüpfte ein bisschen auf den Steinplatten. So kam ich schneller weg und es sah nicht so aus, als wollte ich wegrennen.
"Ein Verrückter, die haben einen Verrückten zu Hause".
Am Nachmittag habe ich den Anderen davon erzählt, dass da ein Verrückter bei denen wohne und dass er schreien würde.
Den ganzen Nachmittag hingen wir dann in der Nähe des Hauses herum, die anderen Kinder wollten auch gerne hören, wenn er schreit.
Er schrie leider nicht mehr und bald hieß es, ich wolle ja nur angeben.
"Er schreit nur, wenn man klingelt", sagte ich.
Gerd, der Mutigste, klingelte. Wir standen hinter der Hausecke und lauschten. Die Türe wurde geöffnet und wieder geschlossen. Nichts.
In der nächsten Zeit klingelten wir noch öfter, manchmal konnten wir ihn schreien hören, manchmal nicht.
Bertrand sagte dazu nichts, er wurde aber noch stiller und noch besser in der Schule.
Einer fing dann irgendwann an: "Bertrand hat nen Verrückten, Bertrand hat nen Verrückten"
So liefen wir hinter ihm her, gaben aber acht, dass die Erwachsenen dies nicht mitbekamen.
Eines Tages kam Bertrand nicht mehr zur Schule. Der Lehrer sagte nur, dass er krank geworden sei und in eine Klinik müsse.
Ich habe nie wieder etwas von Bertrand gehört, geschweige an ihn gedacht, oder ihn gar gesehen.
Ja - wir haben gestern über ihn gesprochen, ich erinnere mich wieder. Aber nur ganz kurz.
Wieder wird mir elend. Wieder sehe ich sein Gesicht vor mir. Mein Alptraum wiederholt sich. Ich fürchte mich davor, verrückt zu werden.
Sein bleiches Gesicht, blond, schüchtern, die Augen, in denen sich seine ganze Unsicherheit spiegelte. Er kommt auf mich zu und will mir etwas sagen, aber ich kann ihn nicht verstehen, er spricht einfach zu leise. Seine wasserblauen Augen sind aufgerissen und voller Angst. Er kommt immer näher und näher und ich kann ihn einfach nicht verstehen. Ich spüre seinen Atem, seine blauen Augen dicht vor meinem Gesicht. Weit aufgerissen sind seine Augen mit diesem eigentümlichen Schimmer, der mir Angst macht.
Ich gebe mir einen Ruck ! Was soll´s. Schnee von gestern. "Koche Kaffe, dann wirst Du diesen Alptraum gleich los sein", befehle ich mir.
Ich mache das Radio an, Nachrichten !
Jetzt wird mir schwarz vor Augen. Ich erleide einen erneuten, äußerst heftigen Schwächeanfall.
Mein Mann findet mich auf dem Boden liegend. Ich rede wirres Zeug.
Im Krankenhaus bekomme ich ein Beruhigungsmittel. Zum Glück! Denn wieder höre ich die Nachrichten, die meine Bettnachbarin im Fernsehen eingestellt hat.
"Der bekannte Physiker Bertrand Schleiden ist am Morgen erschossen aufgefunden worden. Die näheren Umstände sind noch ungeklärt".
Gerade wird mir bewußt, was er in der Nacht, in meinem Traum, zu mir sagte: Ich solle mit ihm gehen, ihm sei schwindelig.
Ich will nicht !
linespur
01.09.2008, 07:43
Hallo Heidi,
da ist Dir eine wirklich packende Geschichte gelungen – ich mag diese weiten Rückblicke, vor allen Dingen, wenn sie so farbig geschildert sind. Ein paar textliche Anmerkungen habe ich allerdings – vielleicht kannst Du damit etwas anfangen:
Zu allererst ist für meinen Geschmack ein wenig viel an Zeilenumbrüchen eingearbeitet. Meist sind es ja eher zu wenige. Aber hier verhackstückelst Du stellenweise den Text, zum Beispiel hier:
Eines Tages war er weg und wir hatten es kaum zur Kenntnis genommen.
Jetzt muss ich immer an ihn denken.
Heute Nacht habe ich von ihm geträumt.
Klar, inhaltlich sind die Umbrüche schon nachzuvollziehen, da Du Vergangenheit, Gegenwart und letzte Nacht voneinander abgrenzen möchtest. Allerdings denke ich, ist die Abgrenzung genügend durch die Zeitvorgaben vollzogen; da letztendlich der Zusammenhang über Bertrand gegeben ist, scheint mir die Zerrissenheit unnötig und ich find es nicht schön, zu lesen.
Teilweise hadere ich ein wenig mit der Zeichensetzung, auch dafür ein Beispiel:
Seine Augen, in ihnen …: Da würde ich auch in einem Fließtext unbedingt einen Doppelpunkt setzten; das Komma verwirrt beim Lesen eher, als dass es führt. Das passte auch an einigen anderen Stellen für mich besser. Manchmal trennst Du mit Punkten ab, ohne einen vollständigen Hauptsatz zu bilden (Beispiel: Ein dichter Pulk von Kindern, die braunen Lederranzen auf dem Rücken.). Das würde ich nicht tun, sondern dort lieber auf Semikolon ausweichen.
Vor Satzzeichen nie ein Leerzeichen einfügen, auch nicht bei Frage- oder Ausrufungszeichen ;)
„irgendjemand“ wird zusammen geschrieben und bei „Besonders bliebt hat dies“ fehlt ein e. Ansonsten sind mir keine Eiligkeiten aufgefallen…
Textlich: Du erzählt in recht kindlicher Sprache, was gut zu dem Rückblick passt. Wenn man sich intensiv erinnert und von der Jugendzeit erzählt, verfällt man oft auch in die alten Sprachmuster zurück; abgesehen davon habe ich auch ein faible für diesen Stil; gefällt mir also auserordentlich.
Besonders gelungen erscheint mir die Einführung; natürlich trägt die Kleidungsbeschreibung zum Beispiel nicht zum Inhalt bei, schafft aber eine immense Dichte zum Umfeld und den Personen; es wird plastisch. Gleichzeitig gelingt es Dir, den Text zeitlich sehr deutlich einzusortieren, ohne Jahreszahlen oder ähnliches zu nennen; auch das gefällt mir gut. Sehr charakteristisch verstehst Du auch Bertrand zu beschreiben mit Äußerungen wie „Ein paar Male war er verprügelt worden, gewehrt hat er sich nicht.“
. Einmal bin ich mit ihm gegangen, als es ihm schlecht ging und er deshalb nach Hause gehen musste. Ich sollte ihn begleiten, weil ihm schwindelig war und er sich auf dem Pausenhof übergeben hatte.: Hier würde ich etwas kürzen, weil ein wenig doppelt gemoppelt (mit ihm gegangen, begleiten – schlecht ging, schwindelig, übergeben)
mit seiner Mutter und deren Mutter, also seiner Oma: „und deren Mutter“ kannst Du streichen, Oma reicht. Es ist ja nicht wichtig, ob es nun die Oma mütterlicher- oder väterlicherseits ist ;)
zu dem Haus in dem er zur Miete wohnte: Naja, die Miete zahlt Bertrand ja nicht und eigentlich ist es wohl auch nicht wichtig, dass es gemietet ist? Ich würde es rauslassen, es ließ mich ein wenig fragend schauen, zwinker.
Ich drehte mich um und hüpfte ein bisschen auf den Steinplatten. So kam man schneller weg und es sah nicht so aus, als wollte man wegrennen.
: Das ist wieder eine stelle, die ganz viel Atmospähre schafft – toll gelungen. Man kann sich gut vorstellen, wie es in dem kleinen Mädchen ausschaut. Auch die anschießende Beschreibung zum Verhalten der Kinder ist kurz und prägnant – Kinder sind manchmal so und man kann es gewiss nicht als Bösartigkeit auslegen; nur diese Gedankenlosigkeit im Gruppenzwang, die gibt es leider halt oft.
Ja, wir haben gestern über ihn gesprochen, ich erinnere mich wieder. Aber nur ganz kurz.: Mir scheint, hier willst Du das Trauma schon einmal in den Raum stellen; mir gefällt die Stelle so allerdings nicht wirklich. Das mag zum einen daran liegen, dass ich mich bei den Eingangszeilen bereits fragte, warum man denn wohl von dem Jungen gesprochen hatte; es wird auch hier wieder nicht erklärt und ist nach so vielen Jahren wohl eher unüblich. Dann passt dies „ganz kurz“ auch nach meinem Gespür nicht richtig: Die Protagonistin erinnert sich die ganze Zeit an den Jungen, warum dann also nicht bzw. so ungern an das gestrige Gespräch?
Die nachfolgende Beschreibung des Alptraums finde ich sehr gelungen; letztendlich passt das ganz gut, zumal wahrscheinlich nach dem Gespräch und der Erinnerung ihr plötzlich klar geworden ist, dass sie nicht ganz unschuldig an der verschlechterten Situation Bertrands gewesen ist; sie hätte nur schweigen müssen.
An der Stelle fände ich, hätte die Geschichte dann auch enden können; Du spielst mit dem Genre Twillight und mir persönlich liegt das nicht so sonderlich. Insofern hätte ich darauf verzichten können, dass gerade in dem Moment die Nachrichten über seinen Tod kommen. Letztendlich wirft auch das wieder Fragen auf: Ein bekannter Physiker, der im Sterbefall beim Namen genannt wird, der wird schon öfters zuvor durch die Medien gekaukelt sein – wäre es da nicht wahrscheinlich, dass die Protagonistin von ihm also zu einem früheren Zeitpunkt schon hörte und somit eher begonnen hätte, diese alte Geschichte aufzuarbeiten? Nunja, bezüglich des Schlusses bin ich einfach ein wenig voreingenommen, was nicht fair ist; also Schluss damit :)
Lass mich noch mal betonen, dass ich wirklich von der Geschichte beeindruckt bin, sie sehr gern gelesen habe und gewiss darum auch so intensiv auf Kleinigkeiten achtete.
Liebe Grüße an Dich
Nina
Klatschmohn
01.09.2008, 08:07
Halo Nina,
Du hast recht, ich muss noch einiges ändern.
Wie schön, dass Du die Geschichte so ausführlich angeschaut und Unstimmigkeiten beschrieben hast.
Das erst kurz als Dankeschön. Ich muss jetzt weg und werde nachher hier ausführlich werden und einiges ändern.
So eine Geschichte ist doch komplexer als ein Gedicht.
So jetzt bin ich wieder da, und habe Korrekturen vorgenommen.
Vorneweg, den Schluss : den möchte ich gerne lassen, denn wenn ich den lese, kriege ich selbst immer wieder eine Gänsehaut. Ich wollte doch etwas Unheimliches werden.
Ich habe auch, glaube ich, jetzt deutlicher gemacht, dass die Protagonistin erst seit dem Traum an B. denkt. So war es gemeint gewesen.
Das mit dem doppelten schlecht gehen, habe ich in sofern geändert, als dass ich jetzt vielleicht deutlicher gemacht habe, dass er sich erst übergeben hat, danach wurde ihm schwindelig. Darum mußte LI mitgehen.
Mutter, Oma und Miete, haben auch eine Veränderung erfahren. Die Miete deshalb, weil daraus ersichtlich sein sollte, das B. und seine Familie nicht "von hier" waren.
Nochmal lieben Dank, Nina für deine Mühe und Deine Hilfen.
Liebe Grüße,
Heidi
Hallo, Klatschmohn
du hast wirklich Talent zum Schreiben von Kurzgeschichten. Auf den ersten Roamn von dir bin ich schon gespannt.
Auch hier fesselst du mit detailgenauen Beschreibungen, die die Geschcihte authentisch erscheinen lassen, als ob du es selbst erlebt hättest. Kleine Ungereimtheiten hat linespur schon benannt. Aber das sind alles Dinge, die dein Lektor zuständig ist, wenn du es einem Verlag anbietest. ;) Ich glaube, die Zeiten sind nicht immer korrekt bei der Schilderung der Kindheitserlebnisse./Perfekt/Plusquamperfekt Was mir sonst auffiel markiere ich mal
Vielleicht hatte ich am Abend ein bisschen schwer gegessen, vielleicht war es einfach zu spät geworden, gestern Abend, vielleicht aber, sind alle Dinge auch wirklich geschehen.
Jedenfalls, werde ich diese Nacht nicht vergessen und als ich am anderen Morgen aufstand war ich ein anderer Mensch.
Es war ja ganz nett gewesen als Helene und Karl da waren, wir habe uns gut unterhalten, das Essen war mir besonders gut gelungen, der Wein gut temperiert und hatte einen angenehmen vollmundigen Geschmack. Wir haben gelacht und von früher erzählt....von früher.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob wir über Bertrand gesprochen hatten. Normalerweise wird nicht über das geredet was damals passiert ist, damals als wir noch Kinder waren. Hatten wir über Bertrand gesprochen ?
Ich muss mich jetzt hinsetzten, meine Knie fangen an zu zittern und mein Herz schlägt einfach zu schnell. Ich sollte ein paar Beruhigungstropfen nehmen.
Bertrand, blond, schüchtern, hatte immer sehr merkwürdige Ansichten für unseren Geschmack, aber die Lehrer fanden gut was er sagte. Seine Augen: in ihnen spiegelte sich seine ganze Unsicherheit, er schaute einen nie direkt an, verhaspelte sich oft wenn er sprach - wenn er sprach. Irgendwann hatte er es wohl aufgegeben, mit uns mitzuhalten, wenn es nicht unbedingt sein musste und von uns sah auch selten irgend jemand die Notwendigkeit mit ihm zu reden.
Wären wir nur dabei geblieben. Wäre ich nur dabei geblieben.
Ich sehe meinen Heimatort noch vor mir, den Weg auf dem ich jeden Morgen zur Schule gegangen bin/war?, gemeinsam mit den anderen Kindern. Ein dichter Pulk von Kindern, die braunen Lederranzen auf dem Rücken, stapfte der Schule zu. Die Gruppe vergrößerte sich immer mehr, je mehr wir uns dem weißen Gebäude näherten,Wiederholung "mehr" (je näher wir dem weißen Gebäude kamen) das etwas außerhalb auf einem Hügel lag. Es herrschte ein wildes Gerenne, Geschubse und Gejohle.
Wir Mädchen in unseren Röcken mit den Wollstrümpfen, die an Leibchen befestigt waren im Winter, später im Jahr mit Kniestrümpfen, im Sommer mit Söckchen und Sandalen. Die Jungen in ihren kurzen Hosen und den genagelten Schuhen.
Bertrand hatte immer einigen Abstand zu uns eingehalten, er schien ständig mit sich selbst beschäftigt und manche behaupteten, dass er manchmal mit sich selbst sprach.
Ein paar Male war er verprügelt worden, gewehrt hat er sich nicht.
Als er in die Schule kam, so erinnere ich mich, ( Dass du dich erinnerst, ist logisch, denn sonst könntest du es nicht schreiben. Wenn du ausdrücken möchtest, dass es etwas Besonderes war, solltest du " daran erinnere ich mich genau" oder Ähnliches schreiben) konnte er schon lesen und schreiben. Während wir uns alle mühten die Buchstaben zu erlernen, konnte er schon Geschichten lesen.
Besonders beliebt hat dies ihn auch nicht gemacht.
Eines Tages war er weg und wir hatten es kaum zur Kenntnis genommen.
Seit heute Nacht muss ich immer an ihn denken, denn heute Nacht habe ich von ihm geträumt, die alten Bilder sind wiedergekommen:
Vielleicht hatte er mir damals leid getan, oder ich war neugierig, ich weiß es nicht.
Einmal ("Einmal" passt nicht so gut, weil du im vorausgehenden Satz schon die konkrete situation einleitest. Einfach "Es war ihm schlecht gewesen")war ihm schlecht gewesen und er sollte nachhause gehen. Ich habe mich gemeldet, dass ich ihn begleiten wolle?, weil ihm nun schwindelig war, nachdem er sich auf dem Pausenhof übergeben hatte.
Ich fand es ziemlich eklig, dass er sich übergeben hatte. Der Hausmeister kippte nachher einen Eimer Wasser darüber und die Brühe verteilte sich schön im Umkreis
So gingen wir zusammen zu seiner Wohnung. Ich hatte meinen bunten neuen Rock an, weiße Kniestrümpfe, braune Sandalen und fand mich sehr schön darin. Bertrand in seiner kurzen schwarzen Hose und seinen schwarzen genagelten Schuhen. So sind waren? wir in einigem Abstand schweigend nebeneinander her gegangen. Die nochmalige Beschreibung der Kleidung halte ich hier für nicht so glücklich, weil sie ja jetzt nicht mehr zum Fortgang der Geschichte beiträgt. Wenn er dir jetzt nochmal auf dein schönes kleid kotzen würde, dann ja ;)
Ich wusste, dass er mit seiner Mutter und seiner Oma zusammenwohnte.
Das war damals gar nicht so selten, weil so viele Väter im Krieg geblieben waren.
Angeblich sollte auch noch jemand da wohnen, den man aber noch nie gesehen hatte.
Wir kamen zu dem Haus, in dem er sie zur Miete wohnten. Ein grauer Sandsteinbau mit Stuckresten, und Verzierungen in meiner Augenhöhe, die mich an Streuselkuchen erinnerten und dazu animierte daran herumzupiddeln.
Er klingelte.
Eine ältere Dame machte auf. Sie sah gar nicht so aus wie eine Oma. Sie hatte ihr blondes Haar in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden.
Sie trug einen grauen Faltenrock und eine weiße Bluse. Ich fand, sie sah ein bisschen traurig aus.
Die Dame hob erstaunt die Augenbrauen, als sie uns vor der Türe sah und Bertrand sagte zu ihr, dass ihm schlecht gewesen sei und ich ihn nach Hause gebracht hatte. Die Dame bedankte sich bei mir und gerade als ich mich umdrehen und wieder gehen wollte, hörte ich von drinnen etwas, was mir das Blut in den Adern gefror. Ein schrecklicher Schrei, dann ein Wimmern: "Sie kommen, sie kommen, Mutter, sie kommen und holen mich! "
Ich starrte die Dame entsetzt an. Sie wandte sich um und rief " Erika, schau bitte nach Dieter"
Die Dame blickte eine Weile auf mich hinunter, sie schien zu überlegen ob sie mir eine Erklärung geben solle.
"Was war das"? fragte ich, immer noch erschrocken, aber mittlerweile mehr und mehr neugierig. Sie räusperte sich, offenbar hatte sie sich entschlossen, mir eine Erklärung für den Schrei zu geben. "Das war mein Sohn, er ist sehr krank und hat Schreckliches erlebt". "Was denn"? fragte ich einigermaßen erstaunt, denn ich war auch schon krank gewesen, meine Eltern auch und ebenso die Großeltern. Da hatte keiner so geschrienen.
"Er hat eine Krankheit in seinem Kopf und er sieht manche Sachen, die wir nicht sehen und deshalb hat er manchmal große Angst."
"Ach so", sagte ich, "Ja, ich geh dann mal besser, auf Wiedersehen".
Ich drehte mich um und hüpfte ein bisschen auf den Steinplatten. So kam man schneller weg und es sah nicht so aus, als wollte man wegrennen.
"Ein Verrückter, die haben einen Verrückten zu Hause".
Am Nachmittag habe ich den Anderen davon erzählt, dass da ein Verrückter bei denen wohnt und dass er schreien würde.
Den ganzen Nachmittag hingen wir dann in der Nähe von dem Haus rum, die anderen Kinder wollten auch gerne hören wenn er schreit.
Er schrie leider aber nicht mehr und bald hieß es, ich wolle ja nur angeben.
"Er schreit nur, wenn man klingelt", sagte ich.
Gerd, der Mutigste klingelte. Wir standen hinter der Hausecke und lauschten. Die Türe wurde geöffnet und wieder geschlossen. Nichts.
Dann haben hatten? wir das öfters gemacht, manchmal konnten wir ihn schreien hören, manchmal nicht.
Bertrand hat hatte? nichts gesagt, er wurde aber noch stiller und noch besser in der Schule.
Einer hat hatte? dann irgendwann angefangen.
"Bertrand hat nen Verrückten, Bertrand hat nen Verrückten"
So sind waren? wir hinter ihm hergelaufen. Niemand hat hatte? etwas zu uns gesagt und natürlich haben hatten? wir auch aufgepasst, dass die Erwachsenen dies nicht mitbekamen.
Eines Tages kam Bertrand nicht mehr zur Schule, der Lehrer sagte nur, dass er krank geworden sei und in eine Klinik müsse.
Ich habe nie wieder etwas von Bertrand gehört, geschweige an ihn gedacht, oder ihn gar gesehen.
Ja, wir haben gestern über ihn gesprochen, ich erinnere mich wieder. Aber nur ganz kurz.
Wieder wird mir elend. Wieder sehe ich sein Gesicht vor mir. Mein Alptraum wiederholt sich, ich habe Angst verrückt zu werden.
Sein bleiches Gesicht, blond, schüchtern, die Augen, in denen sich seine ganze Unsicherheit spiegelte. Er kommt auf mich zu und will mir etwas sagen, aber ich kann ihn nicht verstehen, er spricht einfach zu leise und seine wasserblauen Augen sind aufgerissen und voller Angst. Er kommt immer näher und näher und ich kann ihn einfach nicht verstehen. Ich spüre seinen Atem, seine blauen Augen dicht vor meinem Gesicht. Weit aufgerissen sind seine Augen mit diesem eigentümlichen Schimmer, der mir Angst machte.
Ich gebe mir einen Ruck ! Was soll´s. Schnee von gestern. "Koche Kaffe, dann wirst Du diesen Alptraum gleich los sein", befehle ich mir.
Ich machte das Radio an, Nachrichten !
Ich erleide einen erneuten äußerst heftigen Schwächeanfall. Seitdem liege ich im Krankenhaus, und dämmere unter starken Beruhigungsmitteln dahin. Hier wird es mit den Zeiten noch komplizierter. Da solltest du besser einen Fachmann fragen. Wenn du vom Krankenbett aus schreibst, dann ist die Zeit vor dem Kaffe kochen Vergangenheit oder? Zum Glück! Denn wieder höre ich die Nachrichten, die meine Bettnachbarin im Fernsehen eingestellt hatte.
"Der bekannte Physiker Bertrand Schleiden ist am Morgen erschossen aufgefunden worden".
Jetzt weiß ich auch wieder, was er in der Nacht zu mir sagte, in meinem Traum: Ich solle mit ihm gehen, ihm sei schwindelig.
Ich will nicht !
Also, ich finde diese Auflösung im letzen Satz sehr interessant. Das macht die Geschichte doch irgendwie rund. Sovie Fantasie könnte ich gar nicht aufbringen um mir dieses Ende auszudenken. Gut gelungen. Meine Korrekturen sind sicher nicht vollständig, vielleicht auch gar nicht rchtig. Aber dafür gibt es ja den oben erwähnten Lektor. ;)
Liebe Grüße
Eddigeh
Guten Morgen Klatschmohn,
eine sehr gut gelungene, spannende Kurzgeschichte, die ich gerne gelesen habe. Bertrand entstand vor meinem "geistigen Auge" ganz deutlich, fast zum Greifen. Auch die Zeit hast Du wunderbar bildhaft geschildert, Kompliment.
Ein paar unschöne Formulierungen sind mir aufgefallen, die ich Dir nicht vorenthalten möchte. Ich kopiere dazu Eddis Vorschläge, dann hast Du gleich alles beisammen (ich schreibe grün):
Zitat von Klatschmohn http://www.dielyriker.de/zudenlyrikern/dielyriker/images/buttons/viewpost.gif (http://www.dielyriker.de/zudenlyrikern/dielyriker/showthread.php?p=19734#post19734)
Vielleicht hatte ich am Abend ein bisschen schwer gegessen, vielleicht war es einfach zu spät geworden, gestern Abend, vielleicht aber, sind alle Dinge auch wirklich geschehen.
Jedenfalls, werde ich diese Nacht nicht vergessen und als ich am anderen Morgen aufstand war ich ein anderer Mensch.
Es war ja ganz nett gewesen als Helene und Karl da waren, wir habe uns gut unterhalten, das Essen war mir besonders gut gelungen, der Wein gut temperiert und hatte einen angenehmen vollmundigen Geschmack. Wir haben gelacht und von früher erzählt....von früher. Mein Vorschlag: Wir verbrachten mit Helene und Karl einen schönen Abend, unterhielten uns angeregt, verspeisten mein gut gelungenes Abendessen und unterhielten uns von (über) alte(n) Zeiten - von früher.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob wir über Bertrand gesprochen hatten. Normalerweise wird nicht über das geredet was damals passiert ist, damals als wir noch Kinder waren. Hatten wir über Bertrand gesprochen ? Mein Vorschlag: Sprachen wir über Betrand?
Ich muss mich jetzt hinsetzten, meine Knie fangen an zu zittern und mein Herz schlägt einfach zu schnell. Ich sollte ein paar Beruhigungstropfen nehmen.
Bertrand, blond, schüchtern, hatte immer sehr merkwürdige Ansichten für unseren Geschmack, aber die Lehrer fanden gut was er sagte. Seine Augen: in ihnen spiegelte sich seine ganze Unsicherheit, er schaute einen (uns?) nie direkt an, verhaspelte sich oft wenn er sprach - wenn er sprach. Irgendwann hatte er es wohl aufgegeben, mit uns (Komma) mitzuhalten, wenn es nicht unbedingt sein musste und von uns sah auch selten irgend jemand die Notwendigkeit (Komma) mit ihm zu reden.
Wären wir nur dabei geblieben. Wäre ich nur dabei geblieben.
Ich sehe meinen Heimatort noch vor mir, den Weg auf dem ich jeden Morgen zur Schule gegangen bin/war? (ging?), gemeinsam mit den anderen Kindern. Ein dichter Pulk von Kindern, die braunen Lederranzen auf dem Rücken, stapfte der Schule zu. Die Gruppe vergrößerte sich immer mehr, je mehr wir uns dem weißen Gebäude näherten,Wiederholung "mehr" (je näher wir dem weißen Gebäude kamen) (Komma)das etwas außerhalb auf einem Hügel lag. Es herrschte ein wildes Gerenne, Geschubse und Gejohle.
Wir Mädchen in unseren Röcken (Komma) mit den Wollstrümpfen, die an Leibchen befestigt waren (...an Leibchen befestigt...) im Winter, später im Jahr mit Kniestrümpfen, im Sommer mit Söckchen und Sandalen. Die Jungen in ihren kurzen Hosen und den genagelten Schuhen.
Bertrand hatte immer einigen Abstand zu uns eingehalten, (Betrand hielt immer einigen Abstand) er schien ständig mit sich selbst beschäftigt und manche behaupteten, dass er manchmal mit sich selbst sprach (Selbstgespräche führte).
Ein paar Male war er verprügelt worden (wurde er verprügelt oder: hatten ihn die anderen Kinder verprügelt), gewehrt hat (hatte) er sich nicht.
Als er in die Schule kam, so erinnere ich mich, ( Dass du dich erinnerst, ist logisch, denn sonst könntest du es nicht schreiben. Wenn du ausdrücken möchtest, dass es etwas Besonderes war, solltest du " daran erinnere ich mich genau" oder Ähnliches schreiben) konnte er schon lesen und schreiben. Während wir uns alle mühten die Buchstaben zu erlernen, konnte (las) er schon Geschichten (lesen).
Besonders beliebt hat dies ihn auch nicht gemacht.
Eines Tages war er weg und wir hatten es kaum zur Kenntnis genommen. (wir nahmen)
Seit heute Nacht muss ich immer an ihn denken, denn heute Nacht habe ich von ihm geträumt, die alten Bilder sind wiedergekommen:
Vielleicht hatte er mir damals leid getan (tat er mir damals leid), oder ich war neugierig, ich weiß es nicht.
Einmal ("Einmal" passt nicht so gut, weil du im vorausgehenden Satz schon die konkrete situation einleitest. Einfach "Es war ihm schlecht gewesen")war ihm schlecht gewesen (ihm ging es übel, es war ihm schlecht) und er sollte nachhause gehen. Ich habe mich gemeldet, dass ich ihn begleiten wolle?, weil ihm nun schwindelig war, nachdem er sich auf dem Pausenhof übergeben hatte. (ein wenig doppelt gemoppelt)
Ich fand es ziemlich eklig, dass er sich übergeben hatte. Der Hausmeister kippte nachher einen Eimer Wasser darüber und die Brühe verteilte sich schön (wirklich "schön?") im Umkreis
So gingen wir zusammen zu seiner Wohnung. Ich hatte meinen bunten neuen Rock an, weiße Kniestrümpfe, braune Sandalen und fand mich sehr schön darin.(und gefiel mir...) Bertrand in seiner kurzen schwarzen Hose und seinen schwarzen genagelten Schuhen. So sind waren? (gingen) wir in einigem Abstand schweigend nebeneinander her (gegangen). Die nochmalige Beschreibung der Kleidung halte ich hier für nicht so glücklich, weil sie ja jetzt nicht mehr zum Fortgang der Geschichte beiträgt. Wenn er dir jetzt nochmal auf dein schönes kleid kotzen würde, dann ja ;)
Ich wusste, dass er mit seiner Mutter und seiner Oma zusammenwohnte.
Das war damals gar nicht so selten, weil so viele Väter im Krieg geblieben waren.
Angeblich sollte auch noch jemand da wohnen, den man aber noch nie gesehen hatte.
Wir kamen zu dem Haus, in dem er? sie? zur Miete wohnten. Ein grauer Sandsteinbau mit Stuckresten, und Verzierungen in meiner Augenhöhe, die mich an Streuselkuchen erinnerten und dazu animierten, (Komma) daran herumzupiddeln.
Er klingelte.
Eine ältere Dame machte auf. Sie sah gar nicht so aus wie eine Oma. Sie hatte ihr blondes Haar in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden.
Sie trug einen grauen Faltenrock und eine weiße Bluse. Ich fand, sie sah ein bisschen traurig aus.(ein wenig)
Die Dame hob erstaunt die Augenbrauen, als sie uns vor der Türe sah und Bertrand sagte zu ihr, dass ihm schlecht gewesen sei und ich ihn nach Hause gebracht hatte (und ich ihn nach Hause bringe; eigentlich ist das klar, oder?). Die Dame bedankte sich bei mir und (Komma) gerade als ich mich umdrehen und wieder gehen wollte, hörte ich von drinnen etwas, was (das) mir das Blut in den Adern gefror (gefrieren ließ). Ein schrecklicher Schrei, dann ein Wimmern: "Sie kommen, sie kommen, Mutter, sie kommen und holen mich! "
Ich starrte die Dame entsetzt an. Sie wandte sich um und rief " Erika, schau bitte nach Dieter" (Punkt)
Die Dame blickte eine Weile auf mich hinunter (herunter), sie schien zu überlegen ob sie mir eine Erklärung geben solle.
"Was war das"? fragte ich, immer noch erschrocken, aber mittlerweile mehr und mehr neugierig. Sie räusperte sich, offenbar hatte sie sich entschlossen, mir eine Erklärung für den Schrei zu geben. "Das war mein Sohn, er ist sehr krank und hat Schreckliches erlebt". "Was denn"? fragte ich einigermaßen erstaunt, denn ich war auch schon krank gewesen, meine Eltern auch und ebenso die Großeltern. Da hatte keiner so geschrienen.
"Er hat eine Krankheit in seinem Kopf und er sieht manche Sachen, die wir nicht sehen und deshalb hat er manchmal große Angst."
"Ach so", sagte ich, "Ja, ich geh dann mal besser, auf Wiedersehen".
Ich drehte mich um und hüpfte ein bisschen auf den Steinplatten. So kam man schneller weg und es sah nicht so aus, als wollte man (ich) wegrennen.
"Ein Verrückter, die haben einen Verrückten zu Hause".
Am Nachmittag habe ich den Anderen davon erzählt, dass da ein Verrückter bei denen wohnt (wohne) und dass er schreien würde.
Den ganzen Nachmittag hingen wir dann in der Nähe von dem Haus rum (des Hauses herum), die anderen Kinder wollten auch gerne hören (Komma) wenn er schreit.
Er schrie leider (aber) nicht mehr und bald hieß es, ich wolle ja nur angeben.
"Er schreit nur, wenn man klingelt", sagte ich.
Gerd, der Mutigste (Komma) klingelte. Wir standen hinter der Hausecke und lauschten. Die Türe wurde geöffnet und wieder geschlossen. Nichts.
Dann haben hatten? wir das öfters gemacht (wir klingelten noch öfter), manchmal konnten wir ihn schreien hören, manchmal nicht.
Bertrand hat hatte? nichts gesagt (sagte nichts), er wurde aber noch stiller und noch besser in der Schule.
Einer hat hatte? dann irgendwann angefangen (fing an).
"Bertrand hat nen Verrückten, Bertrand hat nen Verrückten"
So sind waren? wir hinter ihm hergelaufen (liefen hinterher). Niemand hat hatte? etwas zu uns gesagt (sagte uns) und natürlich haben hatten? wir auch aufgepasst (passten wir auf), dass die Erwachsenen dies nicht mitbekamen.(nichts von unseren Streichen erfuhren).
Eines Tages kam Bertrand nicht mehr zur Schule, der Lehrer sagte nur, dass er krank geworden sei und in eine Klinik müsse.
Ich habe nie wieder etwas von Bertrand gehört, geschweige an ihn gedacht, oder ihn gar gesehen.
Ja, wir haben gestern über ihn gesprochen, ich erinnere mich wieder. Aber nur ganz kurz.
Wieder wird mir elend. Wieder sehe ich sein Gesicht vor mir. Mein Alptraum wiederholt sich, ich habe Angst verrückt (?) zu werden.
Sein bleiches Gesicht, blond, schüchtern, die Augen, in denen sich seine ganze Unsicherheit spiegelte. Er kommt auf mich zu und will mir etwas sagen, aber ich kann ihn nicht verstehen, er spricht einfach zu leise und seine wasserblauen Augen sind aufgerissen und voller Angst. Er kommt immer näher und näher und ich kann ihn einfach nicht verstehen. Ich spüre seinen Atem, seine blauen Augen dicht vor meinem Gesicht. Weit aufgerissen sind seine Augen mit diesem eigentümlichen Schimmer, der mir Angst machte.
Ich gebe mir einen Ruck ! Was soll´s. Schnee von gestern. "Koche Kaffe, dann wirst Du diesen Alptraum gleich los sein", befehle ich mir.
Ich machte das Radio an, Nachrichten !
Ich erleide einen erneuten äußerst heftigen Schwächeanfall. Seitdem liege ich im Krankenhaus, und dämmere unter starken Beruhigungsmitteln dahin. Hier wird es mit den Zeiten noch komplizierter. Da solltest du besser einen Fachmann fragen. Wenn du vom Krankenbett aus schreibst, dann ist die Zeit vor dem Kaffe kochen Vergangenheit oder? Zum Glück! Denn wieder höre ich die Nachrichten, die meine Bettnachbarin im Fernsehen eingestellt hatte.
"Der bekannte Physiker Bertrand Schleiden ist am Morgen erschossen aufgefunden worden".
Jetzt weiß ich auch wieder, was er in der Nacht zu mir sagte, in meinem Traum: Ich solle mit ihm gehen, ihm sei schwindelig.
Ich will nicht !
Ich hab ne Gänsehaut! Ohne viel Pathos gelingt Dir diese Geschichte sehr eindringlich. Ich habe mich gerne damit beschäftigt. Vielleicht kannst Du den einen oder anderen Vorschlag von Eddi oder mir gebrauchen.
Ich hoffe, der liebe Eddi nimmt mir meine "Übernahme" nicht übel!
Ich grüße Dich herzlich und wünsche Dir einen schönen Tag,
Medusa.
Klatschmohn
03.09.2008, 09:30
Ach Ihr Süßen Eddi und Medusa !
Da habt Ihr Euch mein Gruselgeschichten vorgenommen.
Dafür drück ich Euch demnächst.:eek:
Da muss ich mich jetzt aber mal dringend eine eine Bearbeitung ranmachen.
Kann aber ein Weilchen dauern.:)
Danke Medusa, dass Du aus zwei eins gemacht hast, so ist es doch besser zu berarbeiten.
Dickes Bussi !
Heidi
Edit !
So Ihr Süßen: Habe es gemacht und dafür alles andere liegen lassen. Sogar der arme Flocki war noch nicht draußen. Schimpf und Schande über mich.
Herzlichen Dank nochmal für Eure kompetente Beratung.
Das Ende habe ich jetzt vollständig so geschrieben als würde ich jeweils dabei stehen und alles aktuell kommentieren.
Ich kann ja schlecht schreiben : ich werde im Krankenhaus liegen, usw.
Spannung geht ja eigentlich nur in der Gegenwartsform, oder ?
Ganz lieben, heißen Dank, allen die mir geholfen haben. Iich lern`s noch!
Gruß,
Heidi
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