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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : ZweifelLos


erebus
11.06.2008, 11:37
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ZweifelLos

Wenn sich der Worte Sinn gebärdet,
als stünd die Welt in seinem Bann,
dann bleibt der Geist nicht ungefährdet,
der die Erkenntnis nicht gewann:

Dass alles Wissen Attitüde
und eitle Menschenpose ist.
Die Welt ist nicht so lebensmüde,
dass sie von diesen Worten frisst.

Ich hab dem Glauben abgeschworen,
der hadernd mit dem Schicksal ringt,
es sei dem Leben eingeboren,
was der Verstand zu Regeln zwingt.

Denn jenes Wort ist nie geworden,
das Lösung bringt, wenn Tag für Tag
zu angestimmten Denkakkorden
der Zweifel klingt im Glockenschlag.

Und sinnvoll scheint mir nur ein Leben,
das ausgesprochen zweifelsfrei
im selben Augenblick gegeben.
Doch der geht wortlos stets vorbei.


(c) erebus 2008


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Leier
11.06.2008, 11:50
Guten Tag, Erebus!

Ein wahres Wort gut ausgesprochen!
Wer, ganz abgesehen von den Lyrikern, bleibt jemals vom Los des Zweifels befreit?
Ich weiß, daß übergroßes Lob Dir nicht behagt, so nimm ein bescheidenes Lob entgegen.
Aber an die Kommata wage ich mich dennoch:


.

ZweifelLos

Wenn sich der Worte Sinn gebärdet (vor als ein Komma )
als stünd die Welt in seinem Bann,
dann bleibt der Geist nicht ungefährdet,
der die Erkenntnis nicht gewann:

das alles Wissen Attitüde (dass/daß)
und eitle Menschenpose ist.
Die Welt ist nicht so lebensmüde,
dass sie von diesen Worten frisst.

Ich hab dem Glauben abgeschworen,
der hadernd mit dem Schicksal ringt,
es sei dem Leben eingeboren,
was der Verstand zu Regeln zwingt.

Denn jenes Wort ist nie geworden,
das Lösung bringt, wenn Tag für Tag,
zu angestimmten Denkakkorden
der Zweifel schwingt als Glockenschlag.

Und sinnvoll scheint mir nur ein Leben (Komma)
das ausgesprochen zweifelsfrei, (Komma weg)
nur diesem Augenblick gegeben, (Punkt oder Doppelpunkt?)
doch der geht wortlos grad vorbei.

Das "grad" ist m.E. nicht der bestmögliche Ausdruck. Aber das ist nur meine Ansicht.
(Übrigens gibt es irgendwo in Englang Glocken, die wahrhaftig im Akkord schlagen. Das nur in Parenthese).

Mir aus dem Herzen geschrieben.

Lieben Gruß
vom
Cyparis

erebus
11.06.2008, 11:57
Hallo Cyparis -

dankschön! Und: ist mir das peinlich :(
Dabei war ich sicher, fast sicher, genügend Kommata verstreut zu haben.
Den letzten Vers habe ich jetzt nach deinem Vorschlag wieder in den Zustand versetzt, den ich bereits vorher einmal ausprobierte. Wenigstens das!

Ich freue mich, das du mit dem Gedicht gehen kannst!


Liebe Grüße
Uli

Chavali
11.06.2008, 12:09
Lieber Uli,

gerade wollte ich dir schreiben wegen der Kommata *lach* da seh ich, Cypi hat's schon getan ;)

So sieht es gut aus jetzt.

Tja, das ist schon ein schweres Los: an allem oder an vielem zweifeln.
Vielleicht wäre ein wenig mehr Vertrauen angesagt.
Aber - gebranntes Kind scheut das Feuer.

Gut, wer es dennoch versucht und dem Zweifel den Kampf ansagt.Doch der geht wortlos grad vorbei.

wie wäre es mit:

doch der geht wortlos an mir vorbei.

Ich weiß, eine Silbe zuviel...:o

Ich habe dein Gedicht gern gelesen und darüber nachgedacht und zustimmend genickt...:)


Lieben Gruß, katzi

erebus
11.06.2008, 12:19
Hallo Katzi,

danke schön! Ich habe jetzt ein "stets" genommen, auch wenn es den Sinn etwas ändert. Den Rhythmus des Verses wollte ich nicht ändern.

Inhaltlich geht es mir mehr darum, dass eine wissenschaftliche oder dialektische Auflösung der Welt nicht möglich ist, weniger um einen zweifelgeplagten Skrupelanten.

Ich fürchte, da habe ich mit dem Titel eine falsche Fährte gelegt.
Mit dem bin ich aber sowieso nicht richtig zufrieden. Ich muss mir langsam einmal reisserischere einfallen lassen - glaube ich, ja, zweifellos.

Danke für dein wohlfälliges Nicken und deinen Kommentar,

herzliche Grüße
Uli

Dana
11.06.2008, 19:55
Lieber Uli,
ich würd' so gern hier und da kritteln, doch wie soll ich, wenn du mir keine Chance gibst.:o
Mit diesem Gedicht freue ich mich nun erst recht darüber, dass du auch hier bist.
Was sollen Wissen und Theorie, wenn sie nicht genauso euphorisch und überzeugend umgesetzt werden, wie die Worte (Reden), die so mancher Blender, Politiker und Dichter;) in die Welt sendet, um diese zu bewegen?
Die Welt ist von sich aus stabil. Sie frisst dieses Futter nicht, sie will Pflege,
umsichtigen Umgang und Beachtung. Dieses kann man auch auf eine Gemeinschaft und Partnerschaft übertragen. (Du legst stets mehr hinein.)
Die ersten Strophen beziehen sich auf das Große, die Welt.
Ab 3. Strophe kommt das lyr. Ich, der Mensch.
Es hat dem blinden Glauben an der Worte Macht abgeschworen. Es wurde wahrscheinlich enttäuscht. Der Enttäuschung folgen Zweifel.
Die 5. Strophe trägt eine Pointe, die zuerst gar nicht auffällt, ein Paradox.
Da gibt es einen Augenblick, der zweifelsfrei ist - doch dieser geht wortlos vorbei, als hätte er es nicht nötig. Damit unterstreichst du wieder die sinnlose Gebärdung mit Worten.

Die Umsetzung ist fließend und der "Erebus" schön erkennbar.

Liebe Grüße
Dana

witch
11.06.2008, 22:52
Lieber Uli,

ja ohne Zweifel kann der Titel missverstanden werden, dann wenn man das Schicksal nicht auf den Zweifel selbst, sondern auf den Zweifler bezieht. In einem ersten Impuls wollte ich Dir daher auch raten, das zweite "L" einfach klein zu schreiben, weil der Akzent mehr auf den "zweifellosen" Moment fiele. Andererseits finde ich genau diese Zweideutigkeit klasse, dass es das Los der Zweifelsfreiheit ist, nicht in Worte gefasst werden zu können, und damit natürlich das Los des Zweifels, sich in menschlichen Worten wiederzufinden.

Zweifel verstehe ich hier als Bild für menschliche Kognition überhaupt, mit der ja immer auch ein Abwägen zwischen für und wider, zwischen richtig und falsch, sowie ein Entscheiden für die "richtige" Kategorie verbunden ist. Von daher empfinde ich Dein Gedicht als "aus einem Guss".

Passend zu dieser Grundaussage wählst Du eine etwas komplizierte, ver"zweifelte" Ausdrucksweise, die mit einer Fülle von doppelten Verneinungen den Leser durchaus auf's Glatteis oder zur Ver"zweifl"ung bringen kann. Ohne Verstand und äußerste Achtsamkeit kann man Deinem Gedankengang kaum präzise folgen. Ist ihm dies aber gelungen, landet er genau bei jenem Augenblick, den Du dann in nur einem Schlusssatz (ebenfalls sehr treffend, was eben nicht wortlos ausgedrückt werden kann, dann nur in so wenige lapidare Worte zu fassen) zum Ausdruck bringst: Er fühlt plötzlich, was Du mit 100 Windungen durch den Cortex und mit den Worten ringend sagen willst.... Ging zumindest mir so.

Eine Winzigkeit hat Cyparis übersehen: Das Komma nach "Tag für Tag" empfinde ich als überflüssig, fände den flüssigen Übergang in ein Enjambement schöner.

Sehr gern gelesen und verzweifelt. Liebe Grüße

witch

erebus
12.06.2008, 12:18
Liebe Dana,

du tust mir zu viel der Ehre! Und selbstverständlich bekommst du von mir jede Chance zur Kritik.
Es ist sehr interessant für mich, deine Lesart kennen zu lernen, denn sie ist eine andere als meine Intention, denn mir gingen die Gedanken mehr in die Breite, ins Allgemeine, als ich diese Verse schrieb.
Du sieht an Beispielen und Anknüpfpunkten viel mehr die Lebenspraxis, und ich überlege noch, welche Erkenntnis ich daraus zu ziehen habe.

Ich glaube nicht, dass die Welt der menschlichen Pflege bedarf. Dem Anschein nach käme sie ganz gut ohne die Menschheit aus, auch wenn dann möglicherweise niemand mehr da wäre, der sich komische Gedanken über sie machte.
Aber ich denke, du meinst, dass uns Behutsamkeit in Denkens und Handeln besser anstünde als Oberflächlichkeit oder Triebhaftigkeit: um unserer selbst willen.

Ich bedanke mich sehr für deinen ausgiebigen Kommentar und dein Lob

Liebe Grüße
Uli

__________________

Liebe witch,

es ist wieder ganz erstaunlich, wie exakt du aus einem Gedicht die Gedanken und Vorhaben des Verfassers abliest, ich bin baff.

Ja, der Titel, der gar nicht so sehr auffällt, gefiel mir nicht nur wegen seine Doppeldeutigkeit, sondern weil ich darin sogar drei Lesarten finde.
Und schon kommst du mit einer knappen Formulierung auf das, was ich in fünf Strophen schwer erkennbar ausdrücken wollte:
... das Los der Zweifelsfreiheit ist, nicht in Worte gefasst werden zu können, und damit natürlich das Los des Zweifels, sich in menschlichen Worten wiederzufinden.
wow! Und: es geht beim Zweifeln immer um Wahrheit, und so würde ich das auch sehen: dem Verstand ist Wahrheit nur in Form von Entscheidung möglich, nicht aber als "Wahrheit an sich" oder "letzte Wahrheit" oder dergleichen.

Hach! Das die erste Strophe so verzweifelt kompliziert ist, habe ich gar nicht bemerkt - da kann man mal sehen. ;-)
Ohne Verstand und äußerste Achtsamkeit kann man Deinem Gedankengang kaum präzise folgen.
Wie ich sehe, gelang es dir, und ich lese es als Kompliment, dass dir der Text wert erschien, dich so tief darauf einzulassen. Ich habe ja des öfteren den Eindruck, etwas verschroben zu sein und werde gerne daran arbeiten, klarer im Ausdruck zu werden.

Das Komma kassiere ich dann mal auf deine Verantwortung.
Ich freue mich, dass ich dir nach der buddenbrock'schen Gehirnbohrung doch noch ein Erlebnis zukommen lassen konnte, auch wenn es dich zu verzweifelten Grüßen trieb ... die ich hiermit frank und frei und lieb zurücksende

Uli

Erich Kykal
02.02.2009, 15:44
Hallo, Uli!

Wunderbare Wortgewalt!
Die Sprache ist so schön und dahingeflochten, möchte man sagen, dass es mitunter schon fast schwerfällt, dem Sinn deiner Worte zu folgen. Wie typisch gerade zu diesem Thema! War das Absicht?

Grade bei deiner wunderbaren Konklusio bin ich versucht auszurufen: Ja, aber solch wahre Augenblicke des Lebens bedürfen eigentlich auch keiner Worte. Sie würden sie nur mindern, verallgemeinern, auf des Niveau der baren Diskutierbarkeit herabwürdigen. Es sollte reichen, dass wir solche Momente in Dankbarkeit fühlen dürfen!

Fehlerchen: S2 sollte nach dem abschließenden Doppelpunkt in S1Z4 groß beginnen!
S4Z4: "...der Zweifel schwingt zum Glockenschlag!" Glocken werden geschwungen zum Schlagen, der pesonifizierte Zweifel schwingt die Glocke also zum Schlage, nicht als Schlag, das heißt nix und klingt auch nicht gut oder richtig!

Insgesamt eine ausgesprochen reife Gesamtleistung, deren Wort- und Satzfindungsgewalt besonders hervorsticht. Edle Sprache, fürwahr!

Grüße vom Antiprofi, eKy

erebus
21.06.2009, 15:27
Hi Erich,

auch dieses liegt schon so lange zurück!
Ich muß gestehen, mir selbst gefällt es gar nicht mehr richtig - muß vielleicht noch verändern oder mich ganz davon trennen.

Den Großbeginn in S2 nehme ich gerne - in S4 belasse ich es aber bei "der Zweifel schwingt als Glockenschlag."
Vielleicht auch wieder ein zu persönliches Erleben: ich habe eine Zeit lang neben einer Kirche gewohnt, da schwang der Glockenschlag minutenlang in allen Mauern und schien nie zum Ende zu kommen ...
erst wenn die Glocke nach einer Stunde erneut einsetzte, bemerkte man, dass der erste Schlag wohl doch irgendwann ganz abgeklungen war.

Danke für dein Lob, für den Kommentar, und ganz besonders für die Hinweise

Liebe Grüße
Uli

wenigviel
21.06.2009, 20:56
Hallo Erebus,
Wenn sich der Worte Sinn gebärdet,
als stünd die Welt in seinem Bann,
dann bleibt der Geist nicht ungefährdet,
der die Erkenntnis nicht gewann:

Dass alles Wissen Attitüde
und eitle Menschenpose ist.
wenn alles Wissen gedanklich so substanzlos ist, dann kann dieser erkenntnisarme bezw. -freie Geist kaum gefährdet sein.
Denn jenes Wort ist nie geworden,
das Lösung bringt, wenn Tag für Tag
zu angestimmten Denkakkorden
der Zweifel schwingt als Glockenschlag.
Hier hielte ich anstatt *schwingt*, *klingt* zum Glockenschlag passender.
Und sinnvoll scheint mir nur ein Leben,
das ausgesprochen zweifelsfrei
im selben Augenblick gegeben.
Wie kann es Sinnfindung ohne Zweifel geben?

Mit liebem, zweifelvollem Gruß, wenigviel

erebus
28.06.2009, 10:52
Hallo wenigviel,

so geht es, wenn man auf Verständnis setzt: man trifft auf Skepsis und Zweifel ;-)
es sei denn, man bedichtet Unumstößliches, wie bspw. eine Gießkanne, eine Blumenvase, den Barometerstand oder etwas Ähnliches.

wenn alles Wissen gedanklich so substanzlos ist, dann kann dieser erkenntnisarme bezw. -freie Geist kaum gefährdet sein.
Meines Wissens ist Wissen völlig substanzlos. (Ich habe mal gehört, die Seele habe ein spezifischen Gewicht von soundsoviel Gramm pro Einheit Mensch, vom Wissen ist mir dergleichen aber nicht bekannt).
Wenn man etwas gedanklich sieht, ist es sowieso ohne Substanz. Substanzen ist eigentümlich, das sie nur im Vergleich untereinander mit geeigneten Instrumenten, zum Beispiel einer Waage, anhand ihrer Lichtbrechung etc. nachgewiesen werden. Womit allerdings niemand, abgesehen vom menschlichen Verstand und damit das Wissen, etwas hat. Aber: wird Wissen dadurch substanziell?
Nun ja, ich dachte mir: genau! Genau darin liegt das Problem, das ich aufzeigen wollte.

Den dösigen Glockenschlag lasse ich jetzt klingen. OK, sonst werde ich das nicht mehr los. Aber: ich lasse den Zweifel darin klingen (wahrscheinlich habe ich mich auch schon gegen diesen Vorschlag gewehrt, aber) nun ist es Zeit: ich gebe meinen Altersstarrsinn auf und kapituliere.

Wie kann es Sinnfindung ohne Zweifel geben?

Abermals: genau! Sinn läßt sich nicht finden, der ist schon da - oder auch nicht.

Ich glaube, ich werde mich lieber den Gießkannen widmen. Soweit ich weiß, haben die ganz eigene Prinzipien und werfen keine Fragen auf, die ich nicht beantworten kann.

Danke für's Vorbeischauen und liebe Grüße

Uli