Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Herr,
Herr,
du bist mir Lust. Und Strafe bist du auch,
bist mein Erbeben, Antrieb und die Rute,
bleibst mir der Dorn im wilden Rosenstrauch,
zwingst mich zu spüren, was ich still vermute,
zeigst mir, was Sünde ist, glühst tief im Bauch,
durchdringst mich ganz und gar, rauschst mir im Blute,
treibst mir den Teufel kraftvoll aus und ein
und lehrst mich Beten und das Sterblichsein.
Erich Kykal
11.05.2009, 11:44
Hi, Isaban!
Handwerklich perfekt, wie immer, aber die Aussage klingt ein wenig nach "Bibel-Sado-Maso". Ein Gott, der dir Rute ist? Der dir den Teufel "eintreibt"?
Von welcher ominösen Gottheit mag da die Rede sein?
Nicht dass es mich kümmert. Ich bin eingefleischter Religionsgegner. Aber nach christlichen Vorstellungen bewertet klingt dies doch ein wenig schizo, oder?
Nix für ungut! Trotzdem sehr gern gelesen, da einfach nur GUT!!!
LG, eKy
Hallo Erich,
vielen Dank für dein Lob zum Handwerklichen.
...aber die Aussage klingt ein wenig nach "Bibel-Sado-Maso". Ein Gott, der dir Rute ist? Der dir den Teufel "eintreibt"?
Von welcher ominösen Gottheit mag da die Rede sein?
Nicht dass es mich kümmert. Ich bin eingefleischter Religionsgegner. Aber nach christlichen Vorstellungen bewertet klingt dies doch ein wenig schizo, oder?
Du lieferst da eine sehr interessante Interpretation. Biblische Bilder.
Das finde ich sehr spannend und durchaus stimmig, auch wenn es mir nicht unbedingt um einen strafenden Gott ging, sondern um das, was in dem lyrischen Ich vorgeht. Auch der Begriff "Rute" dürfte in mehr als eine Richtung auslegbar sein.
Natürlich habe ich ein bisschen mit dem Begriff "Göttlichkeit" gespielt, auf mehr als einer Ebene. Glaube, Glaubensverzückung, Anbetung - ist es nicht faszinierend, wie nah Verzückungen - sowohl körperlicher als auch geistiger Natur - beieinander liegen, bei welchen Gelegenheiten ein "Oh Gott!" erschallt, wann sich jemand voll und ganz auf etwas einlässt, sich aus der Hand (und in eine andere) gibt?
Nun, ich habe den Text "Herr," genannt, um H e r r schaft, Hingabe und freiwillige Unterwerfung auf mehr als nur eine Weise zu bebildern. Zumindest zum Teil scheint sich das auch übertragen zu haben, wenn auch dein "schizo" nicht unbedingt für einen vollen Erfolg spricht.
Obwohl - in Anbetracht des zwiespältigen Themas ja dann eigentlich doch. ;-)
Liebe Grüße,
Sabine
LachTräne
12.05.2009, 23:55
Hallo Isaban,
dein Gedicht hatte mich ebenfalls angesprochen. Allerdings habe ich andere Bilder gesehen als ihr Zwei. Gerne gelesen.
Handwerklich perfekt Erich? Nach deinen zahlreichen Aussagen betr. der Theorie hast du ja keine Ahnung? :p
lg TBC9
Erich Kykal
13.05.2009, 07:41
Hi, TBC9!
Da hast du recht, aber ich urteile nach Gespür und dem, was ICH danach für perfekt HALTE. MIR genügt das.;)
LG, eKy
LachTräne
13.05.2009, 14:29
Du hast schon recht Erik: "Was ist die Wahrheit?" - sagte Pilatus und ... :eek:
Wenn du einen Text nach deinem persönlichen Gespür urteilst, wäre es (für viele) doch hilfreich,
wenn du es in den Kommis entsprechend formulieren könntest. So könnte man besser differenzieren.
Und das Zeug hast du ja dazu. :)
Das Gedicht, Isaban, klingt gut. Formal lese ich: 10,11,10,11,10,11 / 10,10
Eine weniger bekannte Sonettform? Oder doch nicht? Formal erinnert es mich aber daran.
lg TBC9
Es handelt sich um eine Stanze, TBC9, auch ein Klingstück wie das Sonett, nur etwas kürzer und etwas weniger kompliziert aufgebaut, leider eine der alten Gedichtformen, die etwas in Vergessenheit geraten sind.
Sie besteht aus 8 Versen, 6 mit alternierenden Reimen und dem Couplet, das eine abschließende Conclusio (z.B. ein völlig anderer Blickwinkel, die Antithese, eine Zusammenfassung, einen aphorismusartigen Schlusssgedanken etc) enthalten muss.
Üblicherweise enthalten die Verse bei einer Stanze 5 Hebungen (ich habe aber auch schon welche mit nur 4 oder mit 6 Hebungen gesehen), betonte und unbetonte Silben alternieren, meist werden die Reime auch so gewählt, dass sich männlich und weibliche Kadenzen in den ersten 6 Versen abwechseln. Reimschema ababab-cc.
Es freut mich sehr, dass dir der Text gefällt. Hab vielen Dank für deine Rückmeldung. Du schreibst, dass du ganz andere Bilder siehst, als eKy und ich, da würde mich deine Interpretation natürlich auch sehr interessieren.
Liebe Grüße,
Sabine
LachTräne
14.05.2009, 10:08
Hallo Isaban,
vielen Dank für deine ausführliche Erklärung. Von der technischer Seite hatte mich dein Werk erst dann wirklich interessiert, nachdem ich es mir näher angeschaut habe. Dann war ich verwirrt. ;)
Zu dem Inhalt deines Gedichts: du hast ganz geschickt deine ursprüngliche Intention durch Doppeldeutigkeiten verschleiert. Hast du es absichtlich außerhalb Erotik gepostet?
Denn deine Intention war erotischer Natur, wie du es in deiner Erklärung nur bekräftigt hast.
Auslegung von Erich geht eher in meiner Richtung, denn als erstes Bild bietet sich tatsächlich ein religiöses Bild, das Erich gesehen hat. Er blieb aber auf der Oberfläche des Themas, bei der Geißelung und Strafe hängen. Was ihm dann im Vergleich zur Liebe absurd erschien (wie er es selbst formuliert).
Ich ließ mich durch dein Gedicht treiben und plötzlich kam ich tiefer und tiefer,
bis ich zu einem spirituellen Lobgesang gelangt bin. Interessant dabei ist, dass deine ausgeprägt weltlich ausgelegte Version den (spirituellen) Lobgesang gar nicht ausschließt! Nicht wahr?
Gern gelesen und kommentiert.
Liebe Grüße
TBC9
Dann sind die Bilder ja doch nicht so ganz anders.
Ich habe die Stanze hier ins Diverse gesetzt, weil ich nicht nur eine Seite zeigen wollte, also nicht nur die geistige oder die körperliche, sondern weil ich beide Ebenen bebildern und zeigen wollte. Hingabe, sich aus der Hand geben, klar, auch lieben, ganz und gar von etwas erfüllt sein.
Und ich wollte zeigen, wie nahe da Körperliches und Geistiges beieinander liegen, welche Parallelen es gibt - und das, obwohl es sich doch beinahe auszuschließen scheint, zumindest wenn man die Begriffe (Religion, bzw Glauben und - je nach Interpretation - Hörigkeit/Sex/SM) einzeln betrachtet.
Das passte weder wirklich in die Abteilung "Sinnlichkeit", noch 100%ig zu den Liebesgedichten oder zum "Übersinnlichen".
Herzlichen Dank, dass du mir deine Auslegung geschildert hast, ich freue mich sehr, dass der Text so sehr "hineinziehen" konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und nein, das Eine schließt das Andere nicht aus.
Liebe Grüße,
Sabine
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