Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : endeavour and defeat
Sigmar Erics
21.07.2009, 22:12
you are (you!) too weak
to beat
those best, to break
through as the great
(boo!) master head,
who shall whomever
truly lead -
this black fever
(here you are!)
is gone,
skull, broken your backbone;
(beware, too!) there
lies (ssh!)
all the rest in pieces
(quite quiet).
Guten Abend, Sigmar,
die englische Sprache hat mich angelockt; tatsächlich finde ich dieses Gedicht sehr reizvoll. Ich kämpfe aber darum, es überhaupt als "Gedicht" zu bezeichnen, weil dieses Werk für mein Empfinden ein ganz klarer Songtext ist. Nicht wegen der klischeehaften Vorstellung, Englisch sei die Sprache der Musik und eigne sich deshalb besonders als Lyrics.
Aber durch die sehr rhytmische Struktur und durch die Betonungen in Klammern ergab sich beim Lesen in meiner Vorstellung sofort eine Melodie. Dieser Text hat Energie, man spürt in ihm den Rhytmus, einen recht modernen gar.
Insgesamt also ein interessantes und ansprechendes sprachliches Experiment. Wobei die Bezeichnung "Experiment" wieder nicht ganz passt, denn an deinem freien Umgang mit der englischen Sprache liest man sichere Kenntnisse ab.
Gerne gelesen!
GLG
Reggy
AntikliMaXces
24.08.2009, 12:32
you are (you!) too weak
to beat
those best, to break
through as the great
(boo!) master head,
who shall whomever
truly lead -
this black fever
(here you are!)
is gone,
skull, and broken your backbone;
(beware, too!) there
lies (ssh!)
all the rest in pieces
(quite quiet).
Lieber Sigmar,
Ein interessantes Gedicht, das, wie der Titel schon verrät, Reime verwendet, die nur wie solche aussehen (z.B. weak – break).
Die Form wirkt ans Sonett angelehnt: 4-4-3-3(-1) bei den Versen
you are (you!) too weak
to beat
those best, to break
through as the great
Das “you!” kann einerseits als Verstärkung gelesen werden, andererseits ist auch ein “you are you” möglich. Passend zum Titel ist hier der Inhalt von Anstrengung und Niederlage beherrscht. Das LI ist zu schwach um andere zu besiegen.
Das you! too sorgt für einen Binnenreim. In diese Reihe fügt sich dann noch das through ein. Klanglich sind weak und beat (bzw break und great) einander ähnlich.
(boo!) master head,
who shall whomever
truly lead -
this black fever
Das boo! in Klammer reimt sich auf you, too, through, ... . Gleichzeitig ist das boo interessant, da es einerseits mit dem deutschen Buh! beim Erschrecken zu vergleichen ist, allerdings auch abwertend als Pfui gesehen werden kann. Im amerikanischen Slang kann boo auch Liebling heißen. Das heißt, entweder wird das LI erschreckt (ev. von der Tatsache, dass es schwach ist) – oder aber die Besseren machen sich über das LI lustig. Master head kann so viel heißen wie „Beherrsch den Kopf“, andererseits erinnert es an mastermind, also an Genie. V2 und V3 hätte ich so gedeutet, dass der Kopf leitend sein soll. Das black fever – so nehme ich an – wird wiederum auf den Zustand der Schwäche anspielen.
Boo, who tru- bilden Anfangsreime. Die scheinbaren Endreime head – lead und –ever – fever hingegen reimen sich nicht.
(here you are!)
is gone,
skull, and broken your backbone;
Passend zum Erschrecken ist hier das “here you are”, was in gewisser Weise ans Versteckenspielen erinnert. Das black fever – die Schwäche - ist verschwunden. Der skull ist der Totenschädel – also womöglich ein Symbol für den Tod. Dass die Wirbelsäule gebrochen ist, zeigt wiederum die Schwäche. Andererseits deutet die gebrochene Wirbelsäule im Zusammenhang mit dem Totenschädel auf den Tod hin, was dann auch ein anderes Licht auf „here you are!“ wirft.
Broken, back- und –bone sind Alliterationen. Gone und –bone reimt sich nicht. Back hingegen reimt sich auf das black aus S2.
(beware, too!) there
lies (ssh!)
all the rest in pieces
Dass hier bereits zweimal Anmerkungen in Klammern stehen, könnte wohl auf den Zustand des LIs Rückschlüsse zulassen. Das LI liegt zerstückelt da – andererseits ist der letzte Vers eine eindeutige Anspielung auf Rest in Peace, was auf Grabsteinen gewöhnlich steht. Ich gehe davon aus, dass das LI tot ist.
Beware reimt sich auf there, lies aber nicht auf pieces.
(quite quiet).
Nach dem Tod des LI ist es ziemlich still, was im Englischen sich klanglich aber einfach besser anhört. Während du sonst bei den Klammern immer Rufzeichen verwendet hast, fehlen diese hier: ein Zeichen für wirkliche Stille.
Rückblicken könnte das im Zusammenhang mit dem Titel meinen, dass das LI sich im Leben zwar angestrengt hat, aber dann dennoch vom Tod besiegt wird.
Ich finde es interessant, wie du mit diesen scheinbaren Reimen den Leser verwirrst. Der erwartete Reim, der dann doch nicht eintritt, könnte allerdings auch darauf hindeuten, dass das LI weiterlebt.
Klanglich arbeitest du damit, dass der Leser rein vom optischen her mitunter einen Reim auch klanglich erwartet, der dann nicht kommt. Andererseits bietest du auch Reime, die sich nur klanglich ergeben, nicht aber für das Auge.
Gern gelesen,
Liebe Grüße,
maXces
Sigmar Erics
24.08.2009, 14:38
Boo, you two! (Hi, Ihr zwei!)
Ich danke Euch für Eure wohlwollenden Rückmeldungen.
Ja, Reggy, in letzter Zeit schreibe ich häufiger auf Englisch. Seit Januar gebrauche ich diese Sprache regelmäßig, und zwar sowohl amtlich als auch privat. Immer öfter erwische ich mich dabei, daß ich auch meine eigenen Gedanken auf Englisch formuliere, und da kann es nicht ausbleiben, daß meine poetische Drüse, auf dieser Seite gerieben, auch einmal soetwas Absonderliches wie "endeavour and defeat" absondert.
Daß Du die sprachliche Energie und die latente Musikalität moderner Machart aufgenommen hast, freut mich sehr. Mutmaßlich hast Du das Gedicht ja keiner wissenschaftlichen Analyse unterworfen, sondern sinnlich wahrgenommen, was Du hervorgehoben hast. Ist das so? Das würde ja die Unken Lügen strafen, die meine Art des Dichtens als papieren verrufen. Alliterationen sind eben doch ein Phänomen des Klanges und nicht allein des Buchstabens, wie das Wort buchstäblich besagt.
Ich hätte übrigens keinerlei Zweifel daran, daß es sich um ein Gedicht und keinen Songtext handelt, auch wenn es sich sicherlich vertonen ließe. Die Form kommt vom Sonett her, und dieses ist schon immer und auch vom Namen her ein Klanggedicht gewesen.
Lieber Max,
wieder einmal beeindruckst Du mich mit einer fast vollständigen Entschlüsselung meiner Gedanken. Soetwas scheint Dir ja direkt Spaß zu machen! Ich bedaure bloß, daß Du hier so selten künstlerisch schreibst, so daß ich mich nicht angemessen bei Dir revanchieren kann.
Den Kerngedanken am Schluß (vor der Coda) hast Du wie von mir beabsichtigt mit den systematisch durch Parenthesen zerstückelten Sätzen in Verbindung gebracht: Da liegt der Rest "in pieces". Um Reggys Empfindung aufzunehmen: Könnte man an eine latente Zweistimmigkeit denken, an ein Nebeneinander von zwei Melodien, die abwechselnd hervortreten? Ist nur so ein Gedanke am Rande.
Die Augenreime nehme ich ebenfalls musikalisch wahr, durchaus in Deinem Sinne als Irritation (zumal in einer Häufung wie hier), aber auch als Dissonanz. Wenn ich "weak" auf "break" reimen soll, tut mir das in ähnlicher Weise weh wie rot und pink nebeneinander - es klingt eben nur beinahe gleich, es fällt letztlich auseinander und in Stücke. Was aber fällt auseinander? Das beantwortet der Titel: Absicht und Ergebnis. Das Gedicht erzählt vom Scheitern und vom Aufgeben. Möglich, aber nicht notwendig ist es, die Todesassoziation über skull und rest in peace auf die Person zu beziehen: Nicht nur Menschen, auch Hoffnungen kann man begraben.
Einzelne Stellen hast Du erstaunlich präzise und umsichtig analysiert, etwa das "You are (you!)", das "boo!" und den "master head". Vergiß übrigens nicht, daß es unter all den master minds auch den "headmaster" gibt! Bei "Here you are" wäre noch zu ergänzen, daß es auch "Bitte sehr, da hast Du es" bedeuten kann.
Bei dem black fever sind natürlich weite Interpretationsspielräume offen - ich habe die Krankheit als Vorstufe zum Tod gesehen. Was hat denn zu der Niederlage geführt? Der vergeblich Versuch, die falsche Einschätzung der eigenen Möglichkeiten (vgl. S. 1). Das black fever ist das, was das lyrische you zu der Wahnvorstellung verführt hat, der Beste und der Anführer sein zu wollen - von wem auch immer ("whomever" hat auch einen Beiklang von Spott, so wie das häufiger gebrauchte "whatever"). Dementsprechend ist im Aufgesang von dem head die Rede, der sich im Abgesang in einen skull verwandelt hat. Auch wird das aktive, durch ein Enjambement dynamisierte "break / through" aus dem Aufgesang im Abgesang bewußt zu einem passiven "broken" konjugiert.
Was die Klangverdichtung angeht, hast Du fast alles herausgefunden. Laß mich nur der Vollständigkeit halber ein paar Hinweise graphisch ergänzen, ohne viele Worte darüber zu verlieren.
Ich danke Dir.
Herzliche Grüße,
Sigmar
endeavour and defeat. eye rhymes
a. you are (you!) too weak
b. to beat
a. those best, to break
b. through as the great
c. (boo!) master head,
d. who shall whomever
c. truly lead -
d. this black fever
e. (here you are!)
f. is gone,
f. skull, broken your backbone;
e. (beware, too!) there
g. lies (ssh!)
g. all the rest in pieces
x. (quite quiet).
P.S.:
Mir fällt gerade auf, daß das Gedicht, das sonst einem sonettoiden Augenreimschema folgt, mit einem Waisenvers endet (x). Außerdem lassen sich (nach einer kleinen Änderung) alle Silben mit anderen paaren, mit einer Ausnahme: Gleich im Anfang, im Titel, steckt the "and" - ein einsames Ende.
Hallo Sigmar,
huch, wenn ich meinen unbeholfenen Bauchkommentar mit Max' professioneller Analyse vergleiche, bin ich richtig beschämt ob meines fachlichen Unwissens, denn ich wäre nie darauf gekommen, dein Gedicht auf solche Stilmittel zu beziehen ... Es hatte für mich einfach einen Klang, wobei das schon viel sagt, da ich bei Gedichten normalerweise recht "unmusikalisch" bin und eher die Buchstaben lese. Hier aber hat mich der Rhytmus richtig mitgezogen.
Ich freue mich trotzdem, dass du mit meiner laienhaften Kritik etwas anfangen konntest!
GLG
Reggy
Sigmar Erics
24.08.2009, 19:05
Liebe Reggy,
bitte versteh mich richtig, denn dieser Punkt ist mir prinzipiell wichtig:
Daß man aus meinen Gedichten eine Menge herausanalysieren kann, wenn man will, weiß ich ja schon.
Daß Du aber ohne solche Analysen ganz sinnlich und aus dem Bauch heraus den Effekt von Konsonantenkaskaden, Assonanzfeldern und geführt schwankender Metrik erspürt hast, das ist mir eine besondere Freude.
Du solltest Dich nichts schämen! Ich bin Dir dankbar!
Herzlichen Gruß,
Sigmar
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