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Verwachsen
Mir ist, als hätt ich lebenslang nichts anderes getan,
von früh bis spät, dir eine Laune zu erschaffen.
So lieb und brav, und artig still auch ohne deine Mahn
werd ich mein Bündel an Gedanken raffen.
Gut fünfzig Jahre hast du mich in deinen Fokus eingebrannt,
als Diener, Knecht, als Dreck am Schuh gehalten.
Wenn ich das eher doch gespürt, hätt ich Gefühle doch gebannt
im Liebesbündel, fest gekrallt, es zu verwalten.
So bitt ich, Gott, lass mich den ersten Schritt im Leben gehen,
bevor das greise Kind das Laufen hat verlernt.
An einem ganz bestimmten Tag lass ich Gedanken wehen
und bet zu Dir, dass mich die Liebe noch bekehrt.
linespur
17.06.2008, 07:36
Hallo Lena,
thematisch finde ich Deine Zeilen sehr interessant und auch in der Umsetzung ist in meinen Augen manches gelungen, anderes weniger. Ich gehe das mal der Reihe nach durch:
Strophe 1: Nach der ersten Zeile ein Komma, in der zweiten Zeile hingegen keins. Die Elision gleich zu Beginn gefällt mir nicht ganz so gut, allerdings fallen mir derzeit nur Änderungsvorschläge, die das „lebenslang“ kippen und das finde ich dann noch schlechter ;) Denn gerade diese Vokabel erinnert so sehr an „Haft“, dass die dort einfach stehen muss. „dir eine Laune zu erschaffen“ ist in meinen Augen etwas schwammig, oder aber Du meinst es wirklich so ausschweifend? Geht es darum, dass lyr.Du in Stimmungen zu versetzen, also egal in welche, notfalls auch üble? Dann ist die Formulierung ok. Ich denke aber, Du wolltest mehr darauf hinaus, dass es die guten Stimmungen sind, warum schreibst Du dann das nicht?
Zeile drei kein Komma würde ich sagen. „Mahn“ verstehe ich so, dass lyr.Du das lyr.Ich nicht ermahnen musste, brav zu sein. Aber die Formulierung ist recht ungeschickt, da würde ich noch umbauen – auch in Hinblick darauf, dass die vierte Zeile inhaltlich recht plötzlich dahinterher kommt. Hier fehlt zumindest etwas wie „aber“ und jetzt, um den Gegensatz von bislang und ab nun deutlich zu machen. Das Gedankenbündel gefällt mir sehr und der Ausdruck „raffen“ sowieso. Wenn Du mich fragst, solltest Du diese also anlässlich einer Überarbeitung in jedem Falle beibehalten :)
Strophe 2: Erste Zeile kein Komme, oder aber Du musst „deinen Fokus“ schreiben, wenn es als Nebensatz charakterisierend stehen bleiben soll. Die Wenn-Konstruktion in der dritten Zeile schmeckt mir nicht ganz. Vorschlag auf die Schnelle (mit dem ich allerdings auch nicht ganz zufrieden bin): “ach hätt ich eher dies gespürt, ich hätte mein Gefühl gebannt„. „gebannt im Liebesbündel“ finde ich als dichterische Freiheit recht hübsch; das „fest gekrallt“ allerdings dann wirklich auf den Punkt gebracht und gelungen. Insgesamt ist die Strophe noch runder, als die erste.
Strophe 3: Hier würde ich auch vor Gott ein Komma setzen und am Zeilenende ebenfalls eins. Besonders gefällt mir hier das „greise Kind“, dass sehr ausdrucksstark beschreibt, dass das lyr.Ich an der Seite des Du zwar gealtert, aber nicht im Wortsinn erwachsen geworden ist. Auch das „Laufen verlernen“ lässt hier viel Platz für Assoziationen und somit finde ich hier für mich die beste Stelle im Gedicht. Was mir nicht wirklich zusagt: „ganz bestimmten Tag“ – erstens war für mich die Zeit des Aufbruchs eigentlich schon entschieden und zweitens muss ich bei solchen Formulierungen zwangsläufig fragen, an was für einem denn? Die Abschlusszeile ist nicht die Aussage, die ich erwartet hätte. (Btw: das „dass“ bitte mit Doppel-S): Gerade die blinde Liebe auch genannt Abhängigkeit (auch härtere Formulierungen wären möglich), hat das lyr.Ich nun in diesen Zustand geworfen und ausgerechnet Liebe, sicherlich andere, aber eben Liebe, soll helfen? Ich hätte mir hier die Einschlagung hin zum Weg der Selbständigkeit gewünscht. Aber letztendlich ist das Deine Entscheidung.
Ich hoffe, Du kannst mit der Rückmeldung ein wenig anfangen. Ich selbst habe mich gefreut, diese Zeilen heute morgen gefunden zu haben.
Lieben Gruß
Serafinia
P.S.: Achja, mit dem Titel hast Du eins meiner Lieblingsworte gewählt – schade, dass es hier so negativ beladen daherkommt ;)
Hallo Lena,
[QUOTE] „dir eine Laune zu erschaffen“ ist in meinen Augen etwas schwammig, oder aber Du meinst es wirklich so ausschweifend? Geht es darum, dass lyr.Du in Stimmungen zu versetzen, also egal in welche, notfalls auch üble? Dann ist die Formulierung ok.
Hallo Serafina..ja genau darum geht es, auch in üble Stimmung zu versetzen.
„Mahn“ verstehe ich so, dass lyr.Du das lyr.Ich nicht ermahnen musste, brav zu sein.
Das stimmt auch
Was mir nicht wirklich zusagt: „ganz bestimmten Tag“ – erstens war für mich die Zeit des Aufbruchs eigentlich schon entschieden und zweitens muss ich bei solchen Formulierungen zwangsläufig fragen, an was für einem denn?
Es ist schon ein "ganz bestimmter Tag" den ich meine. Es ist nicht der Tag des neuen Aufbruchs, der ist schon entschieden.
Ich hoffe, Du kannst mit der Rückmeldung ein wenig anfangen. Ich selbst habe mich gefreut, diese Zeilen heute morgen gefunden zu haben.
Lieben Gruß
Serafinia
Ja, ich kann mit deiner Rückmeldung sehr viel anfangen, und ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut.Die Änderung habe ich bereits vorgenommen, danke für deine Hilfe.
Lena
Behutsalem
17.06.2008, 09:34
Hallo Lena;
Also wirklich, ich bin sprachlos momentan..
deine Wortwahl, dein Wortspiel, herrlichst..
Ich kann nur ganz viel Lob da lassen und sagen da ist dir was ganz, ganz tolles gelungen.
diese Aussage hat es mir angetan
als Diener, Knecht, als Dreck am Schuh gehalten
Wahnsinn.. ehrlich.
Das Beste was ich je von dir gelesen habe.
Gratulation, liebe Grüße
Line
Liebe Lena,
das ist bitteres Gedicht, wenn auch die letzten Verse an einen Neubeginn glauben lassen.
Ich kann das alles gut nachempfinden. Nicht nur Frauen können in Knechtschaft geraten, obwohl es bei Ihnen sicher häufiger geschieht aus den wohlbekannten Gründen.
Nach der ersten Zeile der zweiten Strophe würde ich unbedingt ein Komma setzen, denn ich lese
in Deinen Fokus eingebrannt
als selbständigen Nebensatz.
Lieben Gruß und Lob
von
cyparis
Liebe Behutsalem, Liebe Cyparis
So viel Lob, ich bin richtig glücklich darüber gerade bei diesem Gedicht.
@ Behutsalem, ich habe lange nach dem Unterschied zwischen Diener und Knecht gesucht. Denn es mußte ja eine Abstufung nach unten sein, bis zum Dreck am Schuh.
@ Cyparis, Nach der ersten Zeile der zweiten Strophe würde ich unbedingt ein Komma setzen, denn ich lese
in Deinen Fokus eingebrannt
als selbständigen Nebensatz.
Das Komma habe ich gesetzt, ich hoffe das es so besser ist.
"Knechtschaft" ist wohl das passenste Wort dafür was es gibt.
Ich bedanke mich Behutsalem und Cyparis für eure Kommentare und für die Hilfe.
Lena:)
Liebe Lena,
auch mir gefallen deine Zeilen in der Idee und im Inhalt.
Ein wenig ist ja schon gebastelt worden und das ist gut so.
Ein paar kleine Anmerkungen:
'Mahn' kenne ich nicht als Wort, ist wohl dichterische Freiheit und passt zum Reim ;)mich, in deinemdiese Stelle wurde schon angemerkt, bitte kein Komma und deinen Fokus
Gott lass mich den ersten Schritt im Leben gehen
bevor das greise Kind das Laufen hat verlernt.hier noch hinter Gott ein Komma und hinter gehen auch
Nun aber genug gemeckert ;)
Zum Inhalt wurde schon genug gesagt, da kann von mir auch nichts Neues mehr kommen.
So bleibt mir nur noch zu sagen:
Ein schönes Gedicht, eines deiner besten.
Ich hab es gern gelesen und mich damit beschäftigt.
Lieben Gruß,
katzi
Liebe Katzi
So nun müßte es stimmen. Ich danke Dir herzlich für deine Hilfe.
Dieses Gedicht hat auch bei mir etwas hinterlassen.
Es freut mich sehr, das es dir gefällt.
Vielen Dank für deinen Kommentar.
Lena :)
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