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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ausflug


Alive
18.06.2008, 06:10
Heut mach ich Pause mal vom Sterben,
der Himmel scheint mir Freund zu sein.
Erhebe mich, streck Arm und Bein,
lass mir Die Lust nicht mehr verderben.
Wer kann so lang gefesselt sein?

Den Tropf gekappt, die Schläuche lösen,
den Freiheitsfunken nur im Hirn.
Will so nicht weiter vegetiern;
im Infusionsrausch ständig dösen?
Ich habe nichts mehr zu verliern!

Den Weg zum Aufzug. Schnell. Nicht wanken!
ins Erdgeschoss und aus dem Haus.
Ich hol die Zigaretten raus,
ein tiefer Zug: Die Lunge tanken,
dann geht es weiter. Gradeaus.

Die Bank am See will ich verschonen,
mein Platz am Ufer ist ein Stein.
Der ist zwar hart und etwas klein,
doch wird der Sonnenschein das lohnen.
Nur bin ich plötzlich nicht allein.

Ein Boot hält kurz vor meiner Klippe.
Der Steuermann hält mich im Blick,
ein kühler Wind streift mein Genick,
dort steht mit Sense ein Gerippe.
Doch ich will mit. Nicht mehr zurück.

linespur
18.06.2008, 07:15
Hallo Alive,

dazu fällt mir kein langer Kommentar ein, weil die Zeilen einfach rund, stimmig und trotz des Sterbens gen Ende ganz wunderbar glücklich stimmen können. Ich denke, genauso wünscht sich mancher schwer Kranke sein Sterben - für mich selbst könnte ich das jedenfalls bejahen.
(Technisch mag ich eigentlich gar nicht viel sagen; das Reimschema ist nicht immer hundertprotzent, aber stören kann ich mich daran nicht. Ansonsten hast Du sehr sauber gearbeitet und ich könnte also auch diesbezüglich keinen Kritikpunkt finden.)

Ich finde, hiermit zeigst Du sehr viel Lichtblickmöglichkeit auf. Warum immer bis zum letzten elendigen Verrecken alles Denkbare und darum vielleicht manchmal Unmenschliche getan werden muss, halte ich für äußerst diskussionswürdig. Dein Gedicht setzt da einen sehr guten Ansatzpunkt.

Gruß
Serafinia

amanda luna
18.06.2008, 08:19
Hallo Alive,

mir scheint, das LyrI legt seine Angst vor dem Sterben ab und wendet sich dem Leben zu. Es ist eine innere Wanderung. Im Sterben (wir kommen alle diesem Punkt tagtäglich näher) zerreist er die künstlichen lebensverlängernden Maßnahmen, die ihn wohl an nichts anderes als an das Nicht-Sterben denken lassen. Lässt er los von der Angst, ist es ihm endlich möglich das, was ist zu genießen und mit dem Fährmann ein entspanntes Plauderstündchen zu halten. Vermutlich spürt dieser, dass er dem LyrI nichts abtrotzen kann und zieht von dannen, bis irgendwann.
Ein angenehmer Gedanke.

Liebe Grüße
amanda luna

Lena
18.06.2008, 13:17
Hallo Alive

Die Entscheidung, weg vom Tropf und allen Lebensverlängernden Maßnahmen, die kann ich hieraus erkennen, und verstehen.

Nochmal die geliebte Zigarette..und der Blick aufs Wasser..die Natur..und von dort abgeholt zu werden.

Ein reizvoller Gedanke.

Und für mich schön umgesetzt.

Lena

Leier
18.06.2008, 14:06
Lieber Alive! Alive (!!!) -

oben wurde schon so gut wie alles gesagt.
Was ich einzigartig und besonders gut an Deinem Gedicht finde:
Die letzte Strophe.
Da kann man sich buchstäbliche jeden Vers auf der Zunge zergehen lassen. Weil so viel eindeutig Zweideutiges enthalten ist.
Wer, wie das Lyrische Ich, Ccharon folgen will: der ist satt vom Leben, satt geworden am Leben, gesättigt und bereit.
Gefällt mir ob der Düsternis ausnehmend gut.

Lieben Gruß
von
cyparis