PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schuld und Sühne


wenigviel
19.06.2008, 18:38
Schuld und Sühne

Nur wer bestraft, kann, wenn er will, vergeben.
Nur wer bestraft ist, wird von seiner Schuld befreit.
So wächst aus Sühne neues, wertes Leben,
dem weder Haß noch Trauer dauerndes Geleit.

So mußt Du mich bestrafen wollen müssen,
damit Dein Schmerz nicht Hass wird, Deiner Freude Tod
und ich will meine Sünden spürbar büßen,
sonst Schuld gerät zur Trauer, ew’ger Seelennot.

Total Blackout
20.06.2008, 11:00
Hi Ho,

ich frage mich beim Lesen, ob eine Bestrafung wirklich des Rätsels Lösung ist. Kann eine Bestrafung als Lösung eines Problems aufgefasst werden? Sobald ich schmerz verspüren, kann es doch nicht der rechte Weg sein mich oder andere zu bestrafen. Die Lösung an sich bleibt doch dann immer noch auf der Strecke, oder wie siehst du das?

Auf jeden Fall sind es sehr religiöse Tendenzen, die ich in deinem Werk lese. Dennoch sorgen sie für viel gedanklichen Zündstoff und das gefällt mir wieder mal!

Ich freue mich auf eine Antwort!
LG TBO

wenigviel
20.06.2008, 12:34
Hallo @ Total Blackout,

auch wenn das, was mit Schuld und Sühne zusammenhängt, durch unsere Kultur leicht einen religiösen Anspruch erhält, spielt dieser Aspekt in meinem Gedicht hier keine Rolle, denn ich sehe es lediglich als eine rein psychische Notwendigkeit, will der Geschädigte seinen Vorwurf oder der Schädiger sein Schuldgefühl abbauen, beide dies jeweils aktiv und vor allem anderem gewollt betreiben müssen.
Ich denke, dass diese willentliche Aktivität die beste, vielleicht sogar die einzige Möglichkeit darstellt, offene Wunden, die die Erinnerungen an diese *Verletzungen* auf beiden Seiten darstellen, zu schließen, damit der eigentliche Heilungsprozess beginnen kann.
In den, aus der Bibel hervorgegangenen Religionen, übernimmt Gott die Aufgabe, die Bereitschaft zu diesen wichtigen, aber teilweise ungern akzeptierten Notwendigkeiten herzustellen und teilweise, wo es zu schwer für die menschliche Seele, hierbei auch stellvertretend die Aktivitäten zu übernehmen. Dadurch besitzt er unter anderem seine machtvolle Schlüsselstellung, die aus der Notwendigkeit und den dieser gegenüberstehenden menschlichen Unfähigkeiten wie Schwächen entstanden ist und lebt.

Mit Dank für Deinen Besuch und mit liebem Gruß, wenigviel

Medusa
02.08.2008, 20:15
Hallo Wenigviel,
ich beschränke mich auf Deine Technik, Inhalte zu interpretieren liegt mir nicht.

Die erste Strophe ist technisch perfekt, da gibts nichts dran zu mäkeln! Mit der zweiten habe ich Probleme. Ich zeige Dir mal, welche:

So mußt Du mich bestrafen wollen müssen,
Ich verstehe durchaus, was Du meinst, aber "wollen müssen"? Das geht ganz und gar nicht!

damit Dein Schmerz nicht Hass wird, Deiner Freude Tod
sprachlich ziemlich verquer.

und ich will meine Sünden spürbar büßen,
der Reim "müssen (S1)/büßen (hier) ist seeeehr schlecht. Ein "und" als Auftakt ist gaaaanz fürchterlich!

sonst Schuld gerät zur Trauer, ew’ger Seelennot.
sprachlich total daneben, dadurch missverständlich!

Trotz meiner Einwände ist dieses Gedicht von eindringlicher Sprache, lässt sich gut lesen und macht nachdenklich. Vielleicht solltest Du noch ein wenig "feilen"? Es täte ihm gut!
Viele liebe Abendgrüße,
Medusa.

basse
02.08.2008, 22:54
hallo wenigviel,

ich habe mich nicht um die formelle analyse bemüht, sorry bin aber über deine aussagen im kommentar überrascht...einige vertreten ja die meinung, dass nicht Freud die psychoanalyse einleitete sondern dostojewski, bin mir jetzt aber nicht sicher denke es irgendwo schon einmal gehört zu haben, wenn es nicht stimmt bitte wieder aus dem hirn streichen...nun gut dostojewski beschrieb in seinem Werk die taten des Raskolnikows der mit einem Mord (ohne motiv) einfach nicht mehr klar kam und es sich von der seele reden musste, und dann nach sibirien deportiert wird...im grund ist darin der weg der psyche raskolnikows gezeichnet, der schudig ist, sich schuldig fühlt und dieses rational nicht mehr auf die Reihe bekommt..erst durch das schuldeingeständnis kann er sich von dem druck befreien, bereuen tut er jedoch nie..dort geht die sühne aber als ein prozeß des nichtverstehens und der angst verhaftet zu werden mit einher...die sühne erfolgt also hier aus dem geschehen heraus, obwohl raskolnikow nichts nachgewiesen werden kann verrät er sich selber immer mehr...wie gesagt ich fand den einen Satz sehr interessant in deinem kommentar:

der Geschädigte seinen Vorwurf oder der Schädiger sein Schuldgefühl abbauen, beide dies jeweils aktiv und vor allem anderem gewollt betreiben müssen.
dies ist heutzutage eine psychologisch gängige methode, die immer widerkehrende konfrontation mit dem ereignis um dieses zu verarbeiten, ob sich daraus eine sühnen ableiten lässt sei dahingestellt, denn sühne ist gerichtlich gesehen eine ausgleichshandlung, also seine schuld zu tilgen..in jedem selbst stufe ich sühne woanders ein, schulderkennung in einem selbst, um dann aus sich heraus selber heraus zu sühnen, vllt in sich einen ausgleich zu schaffen...

deswegen verstehe ich deine ersten zeilen nicht recht, wo es heißt: Nur wer bestraft, kann, wenn er will, vergeben. Nur wer bestraft ist, wird von seiner Schuld befreit. denn was hat dies mit sühnen zu tun, ist mir schleierhaft, hört sich eher wie ein sich rächen an und genugtuung..ich kann mir nicht vorstellen das es dort vergebung gibt, oder? denn der bestrafte mag es genauso sehen?

So mußt Du mich bestrafen wollen müssen,
damit Dein Schmerz nicht Hass wird, Deiner Freude Tod
auch diese aussage finde ich inhaltlich wenig durchdacht und muss erklärbar sein, es ist eigentlich eine wiederholung zur ersten strophe und hätte auch eingespart werden können...

ich weiß nicht recht, mir mag das werk nicht so recht zusagen, schwer in einem gedicht solche themen zu behandeln, dass diese auch aussagekräftig sind, hier scheint es mir nicht gelungen, ich hoffe du nimmst mir meine ehrliche meinung net übel..

LG basse

wenigviel
03.08.2008, 06:35
Hallo @ Medusa,

vor Deiner Meinung über die erste Strophe mache ich eine dankende Verbeugung.
So mußt Du mich bestrafen wollen müssen,
Ich verstehe durchaus, was Du meinst, aber "wollen müssen"? Das geht ganz und gar nicht!
Dieses "wollen müssen", auch wenn Du es sicher zu Recht als sprachlich unmöglich einstufst, ist der zentrale Punkt meines Gedichtes oder der Schlüssel zu ihm. (Siehe meine Antworten an Total Blackout und basse.)
Darüber hinaus, was aber eigentlich nicht hierher gehört, ist "wollen müssen" für mich auch die sprachliche Darstellung von Freiheit. Aus diesen Gründen kann ich es nicht aufgeben, es sei denn, mir fiele noch ein Ersatz ein.
Bei Deinen restlichen Einwänden kann ich Dir kaum widersprechen, wodurch dies auch für Deine Aufforderung gilt.
Hab Dank für Deine Hilfe auch wenn ich ihr noch ratlos gegenüber stehe.

Mit zum Sühnen wollen müssen bereit grüßt lieb, wenigviel

Hallo @ basse,

für den Titel meines Gedichtes habe ich Dostojewski (aus-)genutzt.
Doch ist an Raskolnikow auch gut zu zeigen, was ich mit der Notwendigkeit der aktiven Sühne meine. Dadurch, dass er sie für sein eigenes (unbewusstes)Rechtsempfinden nicht ausreichend vollzieht und vollzogen hat, bleibt er für sich und sich selbst schuldig.
Doch auch der Geschädigte muss seine passive Schuld selbsständig und aktiv "sühnen":

Nur wer bestraft, kann, wenn er will, vergeben.

So mußt Du mich bestrafen wollen müssen,
damit Dein Schmerz nicht Hass wird, Deiner Freude Tod

will er sie möglichst gut (er-)tragen können.

So sind dies im Grunde genommen zwei von einander (auch) unabhängige Vorgänge der Schuldbewältigung, doch wir neigen dazu sie verbinden zu wollen oder glauben sie verbinden zu müssen, was ihre Erledigung/Bewältigung verhindern kann.

Ich hoffe, ich konnte meine Vorstellung deutlicher machen.

Mit liebem Gruß und Dank für die Möglichkeit meine Erklärungsschuld abtragen zu können, wenigviel